Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Die Suppe wird kalt

Vorarlberg / 16.10.2019 • 09:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Mutter hatte gekocht, was die Ihren liebten: Gerstensuppe mit einem ordentlichen Stück Speck, die Bohnen so glänzend braun, die Gerste grau, fünf Lorbeerblätter, das Grün des frischen Liebstöckels. Es roch fantastisch. Sie probierte und war zufrieden.

Sie wartete auf ihre Leute. Keiner kam. Sie rief ihren Mann an, der musste länger arbeiten. Kein Problem. Im Warten würde die Suppe noch besser. Sie hätte so gern die Ihren am Tisch gehabt und das Lob entgegengenommen: Wie wunderbar, noch nie so gut …

„Der Mutter war übel vor Hunger, aber sie wollte in Anbetracht der Sorgen ihrer Lieblinge nichts essen.“


Das Mädchen kam zwei Stunden zu spät aus der Schule. Ihr verweintes Gesicht erbarmte die Mutter. Sie schloss die Kleine in ihre Arme und sagte: „Rate, was es gibt!“

„Ich kann nichts essen“, sagte das Mädchen, „ich bin gedemütigt worden.“

„Was für ein Wort du verwendest!“, wunderte sich die Mutter. „Wer hat dir etwas angetan?“

„Meine Mitschüler“, schluchzte die Tochter. „Sie finden mich zum Kotzen.“

„Weil du die Schönste bist“, sagte die Mutter, „das neiden sie dir, und darum sind sie böse. Komm setz dich!“

„Nein, Mama, lass mich!“

Der Sohn erschien, da war es bereits Zeit fürs Abendbrot.
„Ich kann nichts essen, Mama, mir ist alles vergangen. Ich habe meine Zulassung zur Meisterschaft nicht bekommen, ich bin eine Niete.“
„Du und eine Niete!“, empörte sich die Mutter. „Du bist begabt, und weil sie dir nichts gönnen, sind sie voller Missgunst. Lieber würden sie selber hinken, als dir den Erfolg zu gönnen. Komm, setz dich zu mir und deiner Schwester! Wonach riecht es? Nach etwas, das du liebst.“

„Mama, lass mich, ich kann nichts essen.“

Der Mutter war übel vor Hunger, aber sie wollte in Anbetracht der Sorgen ihrer Lieblinge nichts essen.

Die große Tochter kam und war stumm wie ein Stein. Die Mutter rüttelte sie und pries ihre Suppe an. Die Tochter schüttelte heftig den Kopf. Was war geschehen? Es wird wegen ihres Freundes sein, dachte die Mutter, der sie verlassen hat, weil er neben ihr nicht bestehen kann, er verdient sie nicht.

Als endlich ihr Mann erschien und seine Aktenmappe in die Ecke warf, was er noch nie getan hatte, brachte seine Frau keine Silbe heraus. Sie sah in sein Gesicht und wusste alles. Sie kannte ihn seit zwanzig Jahren. Er war entlassen worden. Und warum? Weil er überqualifiziert war, weil seine Chefs zu dumm waren, sein wahres Können richtig einzuschätzen.

„Mein Darling“, sagte die Frau und wollte ihren Mann umarmen, „riechst du nicht, was ich für euch gekocht habe?“

„Lass mich einfach“, sagte ihr Mann und verschwand im Schlafzimmer.

Da öffnete die Frau das Fenster, nahm die lauwarme Suppe vom Herd und schüttete sie in das Kräuterbeet. Katzen kamen und machten sich an den Speck.

Monika Helfer
monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.