In Vorarlberg soll bald wieder geturtelt werden

Vorarlberg / 16.10.2019 • 07:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Turteltauben mit zwei Beinen und ohne Gefieder kennen viele. In den Volieren von Richard Decker turteln die bedrohten tierischen Turteltauben. VN/STEURER

Richard Decker hat den „Vogel des Jahres 2020“, der in Vorarlberg bereits ausgestorben ist.

Geraldine Reiner

Hard, Höchst Hat es sich in Österreich bald ausgeturtelt? Vogelschützer schlagen jedenfalls Alarm. Laut BirdLife Österreich gibt es in Europa nur noch etwa 4,2 Millionen Turteltaubenpaare. „In den letzten 20 Jahren hat der Bestand um 79 Prozent abgenommen“, unterstreicht BirdLife-Geschäftsführer Gábor Wichmann. Da die kleine Wildtaube vom Aussterben bedroht ist, wurde sie unlängst von BirdLife, dem Naturschutzbund Deutschland und dem bayerischen Landesbund für Vogelschutz zum „Vogel des Jahres 2020“ gekürt. In Österreich brüten aktuell knapp 10.000 Paare der gefiederten Liebessymbole. Das sind um fast zwei Drittel weniger als 1998, rechnet BirdLife vor. In Vorarlberg hat es sich bereits ganz ausgeturtelt. „Vor rund 20 Jahren haben noch Turteltauben bei uns in der Baumschule gebrütet. Irgendwann sind sie verschwunden und jetzt gibt es gar keine mehr. Die Krähen haben alle, die wir noch hatten, vernichtet“, blickt Richard Decker (75) zurück. Der Höchster hat allerdings ambitionierte Pläne.

Geht es nach Richard  Decker und seinem Zuchtkollegen Jürgen Wolf, sollen die Turteltauben wieder in Vorarlberg heimisch werden.
Geht es nach Richard Decker und seinem Zuchtkollegen Jürgen Wolf, sollen die Turteltauben wieder in Vorarlberg heimisch werden.

Viele Gefahren

Liebessymbol? Für Ornithologe Wichmann ist die Turteltaube vor allem ein Symbol für den Verlust an Artenvielfalt. Die größte Gefahr sieht er in der Industrialisierung der Landwirtschaft. „Die Ausweitung von Anbauflächen geht mit einem Verlust von Brachen, Ackersäumen, Feldgehölzen und Kleingewässern einher. Nistplätze sowie Nahrungs- und Trinkmöglichkeiten verschwinden“, führt der BirdLife-Geschäftsführer aus. Gefährlich werden kann es für die Sorgenvögel aber auch auf dem Weg in das Winterquartier. Schätzungen zufolge werden im Mittelmeerraum jedes Jahr bis zu 2,2 Millionen Turteltauben legal geschossen.

Richard Decker züchtet seit er sieben Jahre alt ist Tauben. Anfangs waren es Rassetauben, in den letzten 15 Jahren sind dann immer mehr Wildtauben dazugekommen. „Meine Mutter hat immer schon Wert darauf gelegt, dass ich Tauben habe, weil ihr Vater ein großer Taubenzüchter war. Ich habe auch die ganze Jugendzeit über  nie auf meine Tauben verzichtet“, erzählt der ehemalige Baumschulchef und ergänzt: „Tauben haben einen eigenen Geruch. Die meisten hassen ihn, aber wenn man von Kind an daran gewöhnt ist, dann wird man fast ein bisschen süchtig danach.“

70 Arten

In den großen, begrünten Volieren in der ehemaligen Werkshalle von Wolf Gravurtechnik in Hard gurren und zwitschern mittlerweile an die 70 Vogelarten, Dreiviertel davon sind Tauben. Senegaltauben, Krontauben, Goldbrusttaube, Socorrotauben, Jamaikatauben, Fasantauben, und seit dem Vorjahr auch Turteltauben. „Man bekommt sie vom Züchter nur, wenn er einen kennt. Ein Paar haben wir aus Holland, das andere aus Norddeutschland“, erläutert der Vogelfan, der mit Gleichgesinnten in ganz Europa vernetzt ist. Der erste Zuchterfolg hat sich bereits eingestellt. Zwei Turteltäubchen sind unlängst geschlüpft. „Nächstes Jahr rechne ich mit acht bis zehn Stück.“

Wenn Arten selten werden, werden immer wieder Vögel aus Zuchten ausgewildert. Demnächst möchten Richard Decker und sein Zuchtkollege Jürgen Wolf das „turr turr turr” der Turteltauben zurück in die Vorarlberger Natur bringen. „Wir möchten versuchen, sie schön langsam auszuwildern“, verrät der 75-Jährige voller Vorfreude.