Auch der Mist hat sein Gutes

Vorarlberg / 18.10.2019 • 16:36 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Vor etwa einem Monat durfte ich mit einer großen Gruppe eine Reise ins Elsass unternehmen. Natürlich besuchten wir auch Straßburg mit einer meditativen Bootsfahrt und dem Besuch des Münsters. In dieser Stadt lebte und wirkte vor 700 Jahren der Dominikaner und Mystiker Johannes Tauler. Von ihm stammt der Text, der mich schon lange begleitet:

„Das Pferd macht den Mist im Stall, und obgleich der Mist einen Unflat und Stank an sich hat, so zieht dasselbe Pferd doch den Mist mit großer Mühe auf das Feld, und daraus wächst sodann schöner Weizen und der edle, süße Wein, der niemals wüchse, wäre der Mist nicht da. Also trage deinen Mist – das sind deine Gebrechen, die du nicht abtun, ablegen noch überwinden kannst – mit Mühe und Fleiß auf den Acker des liebreichen Willens Gottes…“

Ein wunderbares Bild. Auch aus dem, was bei uns unvollkommen und mangelhaft ist, kann Gutes wachsen, wenn wir das alles vor Gott sozusagen ausbreiten.

Wir machen persönlich so manchen Mist

Wer möchte das abstreiten? Ungute Worte können uns herausrutschen. Beziehungskonflikte hinterlassen negative Spuren. Es gibt mannigfaches Leid, Verletzungen, Streitigkeiten und anderes, was uns das Leben schwer macht. Da wäre es gut, den Karren des Herzens mit all dem „Zeug“ zu beladen und auf dem Acker Gottes auszulegen, das heißt ihm das alles hinzuhalten. Wir tun das vor allem, wenn wir beten und auch in jedem Gottesdienst. Dabei bitten wir im Wissen um unsere Mängel und Grenzen immer wieder um das Erbarmen Gottes, aber wir haben auch zu danken, weil bei uns doch manch Gutes gewachsen ist. Daran erinnere ich kranke oder ältere Menschen, wenn sie darunter leiden, dass sie nicht mehr so wir früher viel leisten können und dass auch manches danebengegangen ist. Oder ich tröste sie mit dem Versprechen, dass ich ihren „Rucksack“ mitnehme und dem Herrgott übergebe, im Bild von Tauler auf seinem Acker ausleere. „Es ischt nünt umasus“, was wir jemandem zuliebe getan haben, auch wenn wir die Früchte nicht immer gleich sehen.

Wir kennen den Mist vieler politischer Parolen und Versprechen

Es gibt den Wortdurchfall so mancher Wahlkampfdiskussionen im Fernsehen, geheime Tagesordnungen und fragwürdige Kompromisse, Machtstreben und Intrigen. Ich möchte das gar nicht lange ausführen. Wenn die politisch Tätigen (der Job ist oft nicht so schön, wie er ausschaut) sich doch fragten, ob ihre Entscheidungen in ihrem Gewissen und auch vor Gott gut sind, wenn sie mehr ihrem Herzen folgten als der Parteilinie, dann würde vielleicht manches anders entschieden. Vor allem unsere Fremdenpolitik ist und bleibt mit der biblischen Botschaft nicht vereinbar. Aber, das ist der Trost von Tauler, auch aus den Mängeln im politischen Alltag kann Positives herauswachsen. Was schimpfen nicht die Leute über „ die da oben“, aber es ist uns doch noch nie so gut gegangen wie heute. Die Jungen wissen ja gar nicht, wie z. B. das Leben in Armutsländern und in Kriegszeiten ausschaut.

Auch in der Kirche wird Mist produziert

Keine Frage, denn die Kirche ist nie perfekt, solange sie aus Menschen besteht, solange Sie und du und ich dazu gehören. Nicht umsonst bringt Jesus das Gleichnis vom Unkraut, das im Weizen wächst. Mich stört so manches im kirchlichen Leben, aber gleichzeitig muss ich vor der eigenen Türe kehren. Wiederum: Würde die Kirche – angefangen von den Kardinälen und Papstgegnern unter ihnen bis hinunter zum gewöhnlichen Kirchenvolk – sich öfters fragen, was dem Willen Gottes, der Haltung Jesu entspricht, dann würde sicher noch mehr Glauben, Hoffnung und Liebe aufsprießen. Vor einer Woche suchten etwa 700 Katholiken unseres Landes in Dornbirn beim Diözesanforum „Plan.Los!“ nach neuen und guten Wegen in der Seelsorge, und es war beeindruckend, wie viele ehrenamtlich mitarbeiten. Jedenfalls wünsche ich uns allen, dass wir vermehrt das Gute sehen, aber auch unsere Mängel und Defizite, ebenso unsere Hoffnungen und Ideen Gott hinhalten, vor seinen Augen ausbreiten. Und dann schauen wir, was er daraus Schönes wachsen lässt. Oder anders formuliert: Die Kirche sollte der Acker sein, auf dem gerade auch durch unseren Mist die Menschlichkeit, die Gerechtigkeit, das Miteinander von allen(!) Menschen, der Frieden wächst, die Schöpfung und das Klima geschützt werden.

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