„Das schlimmste Erlebnis meines Lebens“

Vorarlberg / 18.10.2019 • 22:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Heinz und seine Eltern Ilse und Herbert wurden Opfer von Räubern. VN/Kuster
Heinz und seine Eltern Ilse und Herbert wurden Opfer von Räubern. VN/Kuster

Die VN sprachen mit drei Menschen, die zu Opfern heimtückischer Räuber wurden.

Bregenz In Rankweil wurde kürzlich ein Mann in seinem eigenen Haus überfallen (die VN berichteten).

„Der arme alte Mann. Ihm ist das Gleiche passiert wie uns.“ Das dachten sich Ilse (95), Herbert (96) und Heinz (66) als sie aus den Medien von dem brutalen Raubüberfall in Rankweil erfuhren. „Bei mir kommt alles hoch, wenn ich von einem Überfall höre“, sagt Ilse. Dann ist ihr „das schlimmste Erlebnis meines Lebens“ wieder so gegenwärtig, als ob es erst gestern passiert wäre. Dabei geschah es an einem Julitag im Jahre 1995.

Die dreifache Mutter kam gerade aus der Stadt heim. Als sie die Haustür öffnete, „empfingen“ sie „drei vermummte, schwarze Gestalten“. Sie zerrten die geschockte Frau in den Gang und schüchterten sie mit Schlägen auf den Brustkorb ein. Dann knebelten sie die 70-Jährige und fesselten ihre Hände und Füße. „Sie packten mich und trugen mich ins Zimmer meines Sohnes hinauf. Dort legten sie mich auf den Boden.“ Einer der Räuber fragte sie in gebrochenem Deutsch, wo der Schlüssel vom Safe ist. Ilse wusste, dass der Schlüssel in einem Versteck im Haus war. Aber sie gab vor, dass ihr Mann den Schlüssel hat. Die Pensionistin begann mit dem Verbrecher zu reden. „Hast du nicht auch eine Mama?“, fragte sie ihn. Aber sie bekam keine Antwort. Als er ihr die Ringe von den Fingern streifte und die goldene Halskette abnahm, begann sie zu jammern. „Jetzt bin ich 50 Jahre verheiratet und ihr nehmt mir nach so vielen Jahren den Ehering weg. Das ist furchtbar.“ Das Wehklagen blieb nicht ohne Echo. „Der Räuber gab mir den Ehering zurück und bot mir sogar noch Erdbeeren an. Aber ich konnte nichts essen.“

Geschlagen und gefesselt

Zwei Stunden später betrat ihr Mann Herbert das Haus. Wie immer kam er zum Mittagessen heim. Dieses Mal erwarteten ihn aber nicht nur Ilse, sondern auch drei Kriminelle. „Sie warfen mich zu Boden und schlugen so brutal auf mich ein, dass eine meiner Rippen brach. Dann fesselten sie mich und brachten mich zu meiner Frau hinauf“, erinnert sich Herbert an die dunkelsten Stunden seines Lebens. Seinem Sohn Heinz, der ebenfalls zum Mittagessen heimkam, erging es nicht besser. „Ich wehrte mich mit einem Stuhl gegen die Einbrecher. Es war ein Kampf, aber sie waren zu dritt. Ich hatte keine Chance gegen sie.“

Nachdem sie Heinz überwältigt hatten, fesselten die Einschleichdiebe auch ihn und brachten ihn zu seinen Eltern. Die Täter raubten den Safe aus, nachdem Herbert ihnen verraten hatte, wo der Schlüssel versteckt ist. „Im Safe war mein gesamter Schmuck“, bedauert Ilse heute noch den Verlust ihres Geschmeides. Besonders leid tut es ihr um die Erbstücke, die ihr aus ideellen Gründen viel bedeuteten. „Meine Großmutter schenkte mir zur Hochzeit einen Schmuckanhänger. Die Täter nahmen alles mit, auch das Herz aus Gold, das mir Herbert nach unserem ersten Kennenlernen schenkte. Man konnte es aufklappen. Drinnen war eine Vergissmeinnicht-Blüte.“ Das verbrecherische Trio hinterließ im Haus ein Chaos. Denn die Diebe hatten überall nach Wertsachen gesucht. Auch die 20.000 Schilling, die in Herberts Sakko steckten, entdeckten sie. „Dieses Geld hatte ich gerade von der Bank geholt für eine geplante Reise.“

Niemals gefasst

Als es im Haus plötzlich still wurde, wussten die Raubopfer: „Jetzt sind sie weg.“ Heinz konnte als erster seine Fesseln lösen. Er befreite seine Eltern, dann floh er durch das Fenster und rannte zu einer Nachbarin, um Hilfe zu holen. Trotz sofortiger Alarmfahndung (unter Zuhilfenahme eines Hubschraubers) konnten die Gangster nicht gefasst werden. Ilse: „Wir wissen bis heute nicht, wer uns überfallen hat.“ Der Raubüberfall blieb für die Opfer nicht ohne Folgen. Ilse zum Beispiel konnte lange nicht mehr schlafen und fürchtete sich im eigenen Haus. Erst als im Haus eine Alarmanlage installiert wurde und ihr ein mobiles Alarmgerät zur Seite gestellt wurde, ging es ihr besser. „Das beruhigte mich.“

VN-Bericht vom 6. Juli 1995.
VN-Bericht vom 6. Juli 1995.