Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Glaubt doch nicht jeden Blödsinn!

Vorarlberg / 21.10.2019 • 19:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Unlängst bin ich zur Fleischhauerin am Wiener Brunnenmarkt und hab mich entschuldigt, dass ich jetzt so selten komme. Die Fleischhauerin kommt jeden Freitag und Samstag mit ihrem Sohn aus dem Burgenland, sie haben dort einen Bauernhof, stechen einmal die Woche und verkaufen ihr Fleisch dann in Wien an ihrem Stand. Früher war ich jeden Freitag da, jetzt komme nur noch sporadisch.

Ich hab unlängst in einer Kolumne erwähnt, dass ein Familienmitglied weniger Fleisch essen will. Das hat sich nun geändert: sie isst jetzt keins mehr, sehr konsequent, das hat den familiären Carnivorismus insgesamt drastisch eingeschränkt. Erstens weil kein oder weniger Fleisch eh gescheiter ist, zweitens aus Solidarität, das Familienmitglied mochte Fleisch eigentlich gern, und wir anderen fühlen uns schlecht, wenn wir neben ihr am Zitronen-Hendl nagen. Drittens gewöhnt man sich – obwohl mir das wöchentliche Huhn, das ich freitags immer bei der Fleischhauerin kaufte, sehr fehlt – erstaunlich schnell daran, fleischlos zu kochen, man muss es ja zum Glück nicht neu erfinden, es gibt eine Million Kochbücher für Vegetarisches, und das Netz hat auch tüchtig was im Angebot.

Und immer öfter kocht man überhaupt vegan, weil so viele junge Leute, junge Frauen vor allem, sich jetzt vegan ernähren, und man muss stets damit rechnen, dass eine Veganerin mit am Tisch sitzt, die dann den anderen beim Essen zusehen muss, das ist gemein. Ich unterstütze es, wenn junge Menschen die Welt retten wollen und dafür selber was tun.

Also lässt man beim Kochen immer öfter die Butter weg, kocht in der Gemüsesuppe keine alte Käserinde mehr mit (was schad ist, weil die so ein schönes Umami macht), wokt viel Asiatisches und zerkocht kübelweise Wurzelgemüse mit Pilzen und übriggebliebenem Rotwein zu dicker und überraschend wohlschmeckender Soße. Die Soße serviert man stolz als vegan, nur um sogleich von den Teenagern belehrt zu werden, dass Wein nun leider, wie eigentlich jeder wisse, nicht vegan sei, tatsächlich sei da irgendwie Fischblase mit ihm Spiel: Was ich sofort und kategorisch als kompletten, weltverschwörerischen Fake-News-Unsinn verteufle, man solle doch bitte nicht jeden Blödsinn glauben. Wetten wir, sagen die Teenager. Wir wetten, wir googeln, und jetzt habe ich wider Erwarten keine schön lackierten Fingernägel, sondern fünf Euro weniger. Zefix.

Die Fleischhauerin jedenfalls hat, als ich mich entschuldigte, mit der Schulter gezuckt und gesagt: Ja, tja, was soll man machen, die neuen Zeiten. Ich hab dann ein bisschen von ihrem guten Speck gekauft und ein Paar Frankfurter, das esse ich heimlich.

„Ich unterstütze es, wenn junge Menschen die Welt retten wollen und dafür selber was tun.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.