Cornelia Gasser-Balamaci: „Mein Leben ist eine Achterbahnfahrt“

Vorarlberg / 21.10.2019 • 13:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Cornelia Gasser-Balamaci hat sich erfolgreich eine Existenz aufgebaut.HRJ

Cornelia Gasser-Balamaci ist vor 30 Jahren in Vorarlberg angekommen.

Heidi Rinke-Jarosch

bregenz Sie kamen nachts und durchsuchten die Wohnung. Wo hat sie die Devisen versteckt? Die Securitate-Beamten waren überzeugt, dass Cornelia Balamaci von ihrem Ehemann mit Westgeld versorgt wird. Die Drei waren nach Österreich geflüchtet. Seitdem wurde Cornelia von der Securitate, Rumäniens berüchtigter Geheimpolizei, kontrolliert. Dann ging auch sie. In Österreich angekommen, erwartete sie statt Freiheit und Glück ein Desaster. Das ist 30 Jahre her.

Freiheit und Glück hat Conny, wie die 59-Jährige hier von allen genannt wird, inzwischen gefunden, nachdem sie „viele Baustellen“ passieren musste.

Conny bittet ins Wohnzimmer des schmucken Einfamilienhauses in Bregenz. Der Raum ist trotz dunkler Holzmöbel lichtdurchflutet. Im Hintergrund läuft dezent klassische Musik. Conny serviert auf traditionelle rumänische Weise Kaffee, „mit einem Löffel selbstgemachter Beerenmarmelade und einem Glas Wasser, wie ich es von meiner Mutter gelernt habe“. Dann beginnt sie zu erzählen von ihrem Leben, das, so sagt sie, eine „Achterbahnfahrt“ sei.

Behütet aufgewachsen

Ihr Leben begann am 17. Juni 1960 in Constanta, einer Stadt an der rumänischen Schwarzmeerküste. Im Alter von drei Monaten wurde sie zur Adoption freigegeben. Sie hatte Glück: „Meine Adoptiveltern haben mich wie eine leibliche Tochter behandelt. Ich habe von ihnen viel Liebe bekommen.“ Der Vater war Landwirt, die Mutter verkaufte Gemüse auf dem Markt. „Ich wuchs behütet auf und hatte eine schöne Kindheit“, erzählt Conny.

Das Leben in Constanta war gut, bis 1974 Nicolae Ceausescu Staatspräsident wurde und Rumänien in eine stalinistische Diktatur transformierte. Unter anderem hatte Ceausescu den öffentlichen Handel abgeschafft. „Meine Mutter durfte nicht mehr auf dem Markt verkaufen“, erinnert sich Conny. Die Folge war drastische Lebensmittelreduzierung. Das Volk litt große Not.

Conny begann nach der HTL-Matura 1980 im Tourismusmanagement zu arbeiten. Dann begegnete sie Florin. Sie war 20, als sie den Musiker heiratete. Im Jahr darauf, 1981, kam Tochter Aida zur Welt. Für die Familie wurde die Alltagsbewältigung von Jahr zu Jahr schwieriger, zumal Florin auch noch mit Berufsverbot belegt wurde. „1986 beschlossen wir, Rumänien zu verlassen“, erzählt Conny. Florin verließ das Land im Jänner 1988. Er zog zu seinen Eltern, die sich in Bregenz niedergelassen hatten. Conny folgte ihm mit der damals siebenjährigen Tochter Aida am 5. April 1989. Um vier Uhr des darauffolgenden Morgens stand sie vor der Wohnungstür ihrer Schwiegereltern. Florin war nicht da. Conny erfuhr, dass er in Deutschland lebte: „Das war der schlimmste Moment in meinem Leben.“ Sie selbst wurde aufgefordert, nach Rumänien zurückzukehren. Doch das war ausgeschlossen: „Man hätte mich ins Gefängnis gesperrt.“ Da stand Conny nun mit ihrer schulpflichtigen Tochter im fremden Land, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, ohne Geld: „Ich war verzweifelt. Ich hatte zwei Möglichkeiten: einen Job finden oder Asyl beantragen.“

Die Wohnung der Schwiegereltern befand sich im gleichen Gebäude, in dem das Café Schillerpark war. Conny fasste sich ein Herz, ging zum Eigentümer Ritschi Huber, und sagte ihm, sie suche Arbeit. „Ritschi ließ mich am selben Tag anfangen. Ich putzte das Klo.“ Der Chef kontrollierte, war zufrieden und stellte sie an. Wenig später wurde Conny „Mädchen für alles“, schließlich Personalchefin. Und von 1991 bis 2006 führte sie die gesamte Huber-Gastronomie, darunter das Café Schillerpark, die Royal Bar, das Z’Nüne. Inzwischen hatte Conny Deutsch gelernt und mit Unterstützung von Freunden eine eigene Wohnung gefunden. Mit Mut, Kraft und eisernem Willen hat sie es geschafft, für sich und ihre Tochter in Vorarlberg eine Existenz aufzubauen. „Mein Halt in der schwierigen Zeit war vor allem Aida. Sie hat mich aufrecht gehalten“, erklärt sie. Aida arbeitet seit mehreren Jahren bei der UNO in New York.

Die Liebe zulassen

Im Jänner 2009 trat Siegfried Gasser in Connys Leben. Seit dem Tod seiner Frau Maria im Jahr zuvor war der ehemalige Bregenzer Bürgermeister und Landesstatthalter Stammgast im Restaurant Maurachbund, das Conny damals gepachtet hatte. Er war allein. Sie war allein. Die beiden lernten einander kennen, schätzen und lieben. Am 24. Oktober 2009 schloss das Paar den Bund für den Rest seines Lebens.

„Entscheidend für diesen Schritt war die Liebe“, betont Conny Gasser-Balamaci. „Mein Leitspruch ist: Lieben und die Liebe zulassen.“ Sigi ist ihr Hafen, in dem sie angekommen ist, sagt sie. Mit ihm habe sie ihre turbulente Vergangenheit verarbeiten können. „Heute bin ich eine glückliche Frau, die das Leben in allen Facetten genießt.“

„Ich war verzweifelt. Ich hatte zwei Möglichkeiten: einen Job finden oder Asyl beantragen.“