Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Der Mann mit der Narbe

Vorarlberg / 22.10.2019 • 18:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ich schleppte die Tasche zum Busbahnhof, ließ mich auf die Bank fallen und atmete aus. Neben mir saß ein Mann, Hut tief in die Stirn gezogen. Seine Stimme war die von Udo Lindenberg.

„Pardon“, sagte der Mann, „stört es Sie, wenn ich Sie anspreche?“

„Bitte“, sagte ich, „dann wird die kleine Reise kurzweiliger.“

Er stützte sich auf einen Stock, die Stufen machten ihm Mühe.

„Wie Sie sehen“, sagte er, „bin ich ein Krüppel.“

„Man ist doch kein Krüppel“, sagte ich, und zog meine Stiefel aus, „nur weil man einen Stock benützt, da wäre die Welt ja voller Krüppel.“

„Ist sie auch“, sagte der Mann. „Sie sehen meiner ehemaligen Lebensgefährtin ähnlich“, sprach er weiter, „dieselbe Lebhaftigkeit.“

„Ehemalige?“, fragte ich.

Und so erzählte er: Seine Stimme war Beruf, er war Synchronsprecher bei Wenzel Lüdecke gewesen. Die Stimme von Sylvester Stallone. „Mein Problem, ich vergesse viel. Ich wurde am Odeonsplatz von einem Raser überfahren, ein Jahr lag ich im Koma. Gleich werden Sie mich nach meinem Nahtoderlebnis fragen. Ja, so ähnlich, ein Tunnel, eine Schneise im Eis. Als ich wieder unter den Lebenden war, torkelte ich und dachte, man wird denken, ich sei betrunken.“

Der Mann zog den Hut und zeigte mir seine Narbe. Ich stellte mir vor, wie sie in seinen Kopf geschnitten und dann wieder zugenäht wurde.

„Ja, meine Lebensgefährtin. Sie hatte Zwillinge, zwei Mädchen, eine war das Aschenputtel, die andere die Diva, jeder Pickel ein Weltuntergang. Ihre Mutter hatte eine tolle Figur. Love is blind. Darf ich weiter erzählen?“

„Bitte!“

„Ich war ein lediges Kind, kam in ein Heim, meine Mutter heiratete einen guten Mann, der mich adoptierte, und der beste Vater war. What you deserve is what you get. Ich kannte wichtige Menschen, liebe die Musik, singe aber nicht. Ich vergesse so viel. Habe ich Ihnen schon erzählt, dass ich Zwillinge aufgezogen habe, zwei Mädchen, die eine ein Aschenputtel? Sie hat einen Koch geheiratet. Die andere, die Diva, wollte Model werden. Ich weiß nicht, was mit ihr ist. Wir treffen uns nicht mehr. Seit zehn Jahren habe ich keinen Kontakt mehr mit der gut gebauten Frau. Habe ich das schon gesagt? Ein Spatz in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dach. Und Sie?“

„Ich schreibe, was ich sehe und höre“, sagte ich. „Auf Fotos sehe ich nur die Menschen. Ja, die Natur liebe ich auch. Ich rieche die modrige Erde und liebe den Stamm der Buche …“

Der Bus hielt. Zwei Polizisten kontrollierten die Ausweise. Ein kleines türkisches Mädchen spielte mit seinem Tablet, und lärmte dabei, ihre Brüder ohrfeigten einander. Tumult, wo man hinsah, das Leben eben.

„Seine Stimme war Beruf, er war Synchronsprecher bei Wenzel Lüdecke gewesen. Die Stimme von Sylvester Stallone.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.