„Das Leben ist trotz allem schön“

Vorarlberg / 23.10.2019 • 18:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Hinter der 13-fachen Mutter Brunhilde liegt ein hartes und arbeitsreiches Leben. Aber sie verlor nie ihren Lebensmut und ihre Lebensfreude.   kum
Hinter der 13-fachen Mutter Brunhilde liegt ein hartes und arbeitsreiches Leben. Aber sie verlor nie ihren Lebensmut und ihre Lebensfreude.   kum

Brunhilde hat 13 Kinder großgezogen. Zwei davon sind behindert.

Hörbranz Die Vorstellung, noch einmal geboren zu werden, jagt Brunhilde keine kalten Schauer über den Rücken. Der 79-Jährigen würde es nichts ausmachen, noch einmal auf die Welt zu kommen. Aber dann würde sie sich ein Leben ohne Schicksalsschläge wünschen. Denn deren gab es mehr als genug in ihrem jetzigen Leben.

Alles, was einem im Leben widerfährt, ist vorbestimmt. Das ist Brunhildes Überzeugung. Deshalb nahm sie jedes Unglück an. „Man kann eh nichts ändern.“ Als sie jung war und ihren Leo mit 18 heiratete, dachte sie noch, dass sie ihr Leben steuern und das Meiste in ihrer Hand liegen würde. Aber bald merkte sie, dass dem nicht so war, dass vielmehr das Leben sie lenkte und formte.

Kinder nie als Bürde empfunden

Eigentlich wünschte sie sich vier Kinder. Aber dann wurden es 13. „Die Verhütungspille gab es damals noch nicht. Man war auch nicht so aufgeklärt wie heute“, erklärt die gebürtige Steirerin, warum fast jedes Jahr ein Kind kam.

Zwei ihrer 13 Kinder sind behindert. Als Walter (58) zwei Jahre alt war, bemerkte seine Mutter, dass er anders als wie die anderen Kinder. „Er war langsamer, lernte nicht so schnell sprechen und gehen.“ Aufgrund seines Handicaps war es ihm später nicht möglich, schreiben, rechnen und lesen zu lernen. „Aber Walter konnte alte Lieder auswendig singen.“ Tamara (41), Brunhildes Jüngste, ist auf den Rollstuhl angewiesen, weil sie nicht gehen kann. Sie litt als Baby an epileptischen Anfällen. „Einmal spritzte ihr ein Arzt Valium in den Kopf. Ich glaube, dass das ein Fehler war und sie deshalb nicht gehen lernte.“ Die beeinträchtigten Kinder liefen im großen Familienverband mit. „Ich habe sie nie als Bürde empfunden.“ Aber sie räumt ein, dass einem Kinder mit Handicap mehr Sorgen machen. „Man lässt sie auch nicht gerne zurück.“ Walter lebt noch bei seiner Mutter. Inzwischen ist er pflegebedürftig. „So lange ich es machen kann, mache ich es“, möchte seine alte Mutter ihn (noch) nicht in ein Heim geben.

Die Kinder bedeuten der rüstigen Frau viel. „Ich möchte keines missen.“ Vor elf Jahren aber musste sie eine Tochter im blühenden Alter von 36 Jahren zu Grabe tragen. Renate hatte an Krebs gelitten. „Ihr Tod setzte mir noch mehr zu als der meines Mannes.“ Brunhilde wurde mit 46 Jahren zur Witwe. Ihr Mann Leo starb 51-jährig nach einem Schlaganfall. Nach seinem Tod waren ihr die Kinder eine Stütze. „Wir hielten fest zusammen.“

Sinnkrise nach dem Tod des Kindes

Der Verlust ihrer Liebsten, vor allem der Tod ihres Kindes, stürzte die Mutter aber in eine veritable Sinnkrise. Sie fragte sich, warum es das Schicksal nicht besser mit ihr meinte. „Ich bin doch anständig und tüchtig. Und trotzdem trifft es einen.“

Rückblickend sieht sie es so: „Es gab damals keinen Trost. Es war halt einfach so. Aber das Gute ist, dass das Leben weitergeht und auch traurige Phasen einmal zu Ende gehen.“ Ihre Daseinsfreude war nie ganz weg, nur begraben unter einem Berg aus Trauer. Irgendwann bahnte sie sich wieder einen Weg an die Oberfläche. Heute sagt Brunhilde mit Inbrunst: „Das Leben ist schön, trotz allem.“ Deshalb missfällt ihr der Wiedergeburtsgedanke nicht. „Gäbe es für mich ein nächstes Leben, würde ich wieder Mutter werden wollen. Denn das Muttersein ist schön. Es freut einen, wenn man sieht, wie sich die Kinder entwickeln.“