Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Es nieselt am Display

Vorarlberg / 23.10.2019 • 06:59 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

„Man könnte auch eine Runde spazieren gehen.“ Ganz harmlos kullert der Satz ins Wohnzimmer und bleibt vor dem Ledersofa liegen. Dort hebt der junge Mann die linke Augenbraue, ein kurzer Blick aufs Smartphone lässt ihn zufrieden wieder schlaff in die Kissen sinken. „Geht nicht, es regnet.“

Das Zimmer hat ein Fenster. Es ist groß und hell. Die Fensterläden wurden lange schon beidseits der Wand arretiert. Vorhänge gibt es keine. Man kann also, wenn man von der Position des verhinderten Spaziergängers aus den Kopf leicht anhebt, problemlos nach draußen blicken, hinaus in einen farbenfrohen Herbsttag. Gut, da sind Wolken. Drüben schmiegen sie sich an die Schweizer Berge. Aber hier hängt nichts, nichts, was auf Regen hindeutete.

Wer den Bewegungsverweigerer nun vorsichtig darauf aufmerksam macht, dass sich das blöde Wetter wieder einmal nicht an die digitale Wirklichkeit halten will, erntet mitleidige Blicke. Wo er doch auf fünf Zoll und in atemberaubenden Farben den Regenschleier jederzeit über die Grafik ziehen sieht! Da kann so ein analoges Fenster aus Glas halt nicht mithalten.

Thomas Matt
redaktion@vn.at