„Es waren teilweise fünf Stalker gleichzeitig“

Vorarlberg / 23.10.2019 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Jolanda Spiess-Hegglin sprach in Dornbirn über Hass im Netz und was man dagegen tun kann. VLK

Die Schweizerin Jolanda Spiess-Hegglin spricht im VN-Interview über Medienkampagnen, Wellen des Hasses und was Journalisten sowie Opfer von Hass im Netz daraus lernen können.

Dornbirn Niemand weiß, was am Abend des 20. Dezember 2014 in Zug geschehen ist. Auch Jolanda Spiess-Hegglin nicht. Am 21. Dezember wacht sie mit Schmerzen im Unterleib und fehlender Erinnerung auf. Im Spital werden fremde DNA-Spuren gefunden. Sie ist sich sicher: Sie wurde vergewaltigt. Doch Schweizer Medien drehen die Geschichte. Spiess-Hegglin, damals noch Politikerin, wird zur Täterin. Eine Welle des Hasses bricht über sie herein, sie möchte nicht mehr leben. 2016 gründet sie den Verein Netzcourage, der Opfern von Hass im Internet hilft. Außerdem zieht sie gegen Medien vor Gericht. Am Dienstag war sie auf Einladung der Amazone bei den Gender-Impulstagen in Dornbirn zu Gast.

Was geben Sie jungen Frauen mit auf den Weg?

Dass sie nicht schweigen. Mir haben alle gesagt, dass ich ruhig sein und Gras über die Sache wachsen lassen soll. Das wollte ich nicht, schließlich ist die falsche Geschichte erzählt worden.

Wie war das, als der Hass über Sie hereingebrochen ist?

Kurz nach dem Vorfall hat jemand von der Polizei oder dem Spital mit dem „Blick“ (Schweizer Boulevardzeitung, Anm.) gesprochen. Der Artikel erschien dann um die Weihnachtszeit, mit großen Aushängen auf gelben Blättern am Kiosk angekündigt. Dann ist es losgegangen. Alle haben meinen Namen übernommen, was sie nicht tun hätten dürfen. Der „Blick“ hat 240 Artikel veröffentlicht, aber nie hat man mit mir gesprochen. Diese Artikel hätten nie erscheinen dürfen, das steht jetzt fest.

Wann haben Sie begonnen, sich zu wehren?

Ich war ein Jahr krankgeschrieben. 2016, als ich wieder halbwegs gesund war, habe ich es nicht mehr ausgehalten. Die Ausgrenzung, die Hassbotschaften, die täglich gekommen sind. Also habe ich mich aus dem Parlament zurückgezogen und Netzcourage gegründet. Seitdem ist es besser mit den Hassbotschaften, aber sie haben bis heute nie aufgehört.

VN-Journalist Michael Prock im Gespräch mit Jolanda Spiess-Hegglin bei den Gender Impulstagen in Dornbirn. FRANC
VN-Journalist Michael Prock im Gespräch mit Jolanda Spiess-Hegglin bei den Gender Impulstagen in Dornbirn. FRANC

Was sind das für Hassbotschaften?

Sie kommen über alle Kanäle, auch Briefe und Pakete mit Vergewaltigungs- und Morddrohungen sind dabei. Es gab auch Stalker, teilweise fünf gleichzeitig. Zum Teil gibt’s die heute noch.

Warum der Hass?

Ich habe zwar gar nichts gesagt, aber ich war in den Medien ständig präsent. Als ich Berichte dann richtigstellen wollte, hätte ich schweigen sollen. „Man will dich nicht mehr hören“, hieß es. Gleichzeitig war ich 2015 die meistgegoogelte Frau der Schweiz, ich kam direkt nach Sepp Blatter und Stan Wawrinka. Das ist so pervers. Ich sollte schweigen, aber die Leute haben sich für jedes Detail interessiert. Und der „Blick“ hat wahnsinnig viel Auflage generieren können.

Da gab es kürzlich ein wegweisendes Urteil.

Der Blick hat mit Berichten über mich mutmaßlich 1,5 Millionen Franken verdient. Jetzt gibt es ein Bundesgerichtsurteil, das sagt, dass bei persönlichkeitsverletzenden Medienkampagnen der Gewinn aus der Berichterstattung an das Opfer geht. Das ist wie bei einem Ladendiebstahl, bei dem man das Diebesgut zurückgeben muss. Wir werden versuchen, dieses Geld zu bekommen. Es wird aber ein langer Weg. Da geht es schon längst nicht mehr um mich. Ich will, dass solche Geschichten nie mehr vorkommen. Und dass die Verleger keine weitere Million mit mir verdienen.

Wie geht man mit dem Hass um?

Es hat damals keine Anleitung gegeben, ich konnte niemanden fragen. Meine Partei und die Leute um mich haben gesagt, ich soll mich zurückziehen. Das wollte ich nicht, also habe ich alles ausprobiert. Ich habe alles gelesen, was mir nicht gutgetan hat. Dann habe ich versucht, zu fragen, warum sie das tun. Dann habe ich angefangen, Anzeigen zu schreiben. Das war sehr effizient.

Hat es aufgehört?

Es ist weniger und anders geworden. Jetzt werde ich angegriffen, weil ich die Hasser bekämpfe und anderen helfe, wieder Ordnung in den sozialen Medien herzustellen. Man versucht, mich mit der alten Geschichte aus der Fassung zu bringen, aber ich kann mittlerweile recht gut damit umgehen.

Warum sind bestimmte Medien so vorgegangen?

Das war reine Sensationsgier, da ist eine regelrechte Klickorgie entstanden. Es hat keine Grenzen mehr gegeben, niemand hat Stopp gesagt. Es wurde immer noch grauslicher und es wurde immer noch mehr gelogen. Niemand hat sich darum gekümmert, wie es mir geht. Ich bin psychisch sehr instabil gewesen, ich habe eine Zeit lang nicht mehr leben wollen.

Was können Journalisten daraus lernen?

Dass sie nicht abschreiben. Sie sollen nicht einfach etwas übernehmen, ohne die Geschichte selbst zu prüfen. Wenn einem etwas komisch vorkommt, einfach noch einmal nachfragen.

Wäre heute so etwas wieder möglich?

Inzwischen hat es Metoo gegeben, das war megawichtig. In der Schweiz haben wir mittlerweile eine starke Frauenbewegung, es gibt auch ein Netzwerk. Ich habe damals niemanden gekannt, die Zeit war nicht reif. Jetzt ist sie es, die Geschichte wird sich nicht wiederholen. Das Wichtigste dafür ist Solidarität.

Jolanda Spiess-Hegglin war am Mittwoch bei den Gender Impulstagen zu Gast. FRANC
Jolanda Spiess-Hegglin war am Mittwoch bei den Gender Impulstagen zu Gast. FRANC

Zur Person

Jolanda Spiess-Hegglin

engagiert sich für Frauenrechte und gegen Hatespeech im Internet.

Geboren 26. November 1980

Laufbahn 2003 bis 2010 Journalistin, dann Wechsel in die Politik. 2014 bis 2016 im Zuger Kantonsrat

Familie verheiratet, drei Kinder