Terror mit Messer im Regionalzug

Vorarlberg / 26.10.2019 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Im August 2016 verletzte ein verwirrter Deutscher zwei Fahrgäste im Regionalzug mit Messerstichen. VN/Pautlisch/D. Mathis
Im August 2016 verletzte ein verwirrter Deutscher zwei Fahrgäste im Regionalzug mit Messerstichen. VN/Pautlisch/D. Mathis

VN-Serie Teil 16: Norbert Schwendinger, Morddezernatsleiter in Pension, erzählt.

Sulz Der 60-Jährige war unstet und bezeichnete sich selbst als Künstler. „Irgendwie hat es den Deutschen im August 2016 ins Ländle verschlagen“, erinnert sich der damalige Morddezernatsleiter Norbert Schwendinger. Die Fahrten des Mannes im Regionalzug entbehrten jedem Sinn und Ziel. „Erst fuhr er ins Oberland nach Bludenz und stieg dort kurz aus. Dann betrat er den Zug wieder und fuhr zurück ins Unterland“, so der damalige Chefermittler. „Als in Feldkirch zwei jugendliche Fahrgäste einstiegen, fragte einer von ihnen den 60-Jährigen, ob er gegenüber von ihm Platz nehmen dürfe. Als er aber keine Antwort bekam, setzte er sich einfach hin.“

„Nazi-Staat!“

Das sollte verhängnisvoll für den 19-Jährigen enden. Zumal er begann, mit dem Handy-Kopfhörer Musik zu hören. Schwendinger: „Daraufhin wurde der Deutsche nervös. Plötzlich fragte er den jungen Mann, ob er mit dem Handy Fotos von ihm mache. Zum Beweis, dass dem nicht so sei, zeigte ihm der junge Mann das Display des Mobiltelefons.“ Als der 60-Jährige darauf ein Bild mit der österreichischen Flagge im Hintergrund erkannte, suchten fatale Hirngespinste seine Gedanken heim. Mit den Worten „Ihr seid Nazis! Österreich ist sowieso ein Nazi-Staat!“ sprang der Deutsche auf, zog ein Messer und stach es seinem Gegenüber in den Bauch.

Die Situation im Viererabteil des Waggons eskalierte in einem Tumult. „Der zweite, 17-jährige Fahrgast griff ein und versuchte, dem Mann das Messer abzunehmen. Dabei erlitt er selbst eine Schnittverletzung im Halsbereich“, beschreibt Schwendinger die dramatischen Momente. Schließlich ergriffen die Verletzten die Flucht auf den Gang in Richtung Lokführer, der sofort Alarm schlug – und den Regionalzug bei der Haltestelle Sulz-Röthis stoppte.

Inzwischen verließ auch der Täter das Zugabteil. Noch immer wie von wilden Furien gehetzt, näherte sich der 60-Jährige einem weiteren Fahrgast, der gerade zugestiegen und sich im Bereich des Eingangs niedersetzte. „Der Deutsche sprach ihn an und fragte ihn, warum er denn so grinse. Und das kaum gesprochen, attackierte er auch diesen Mann mit dem Messer“, erinnert sich der damalige Chefermittler. Doch dem Opfer gelang es, den Tobenden abzuwehren und das Messer zu ergreifen. Inzwischen kamen noch zwei weitere Fahrgäste zu Hilfe.

In Anstalt eingewiesen

Zufällig befand sich gerade eine Polizeistreife in der Nähe der Haltestation. Als die bereits informierten Beamten hinzukamen, setzte sich der Verwirrte auch gegen sie vehement zur Wehr. „Es gelang den Polizisten schlussendlich nur noch mittels Einsatz von Pfefferspray, den Täter zu überwältigen“, sagt Schwendinger. Erst dann beruhigte sich der 60-Jährige und ließ sich auf den Boden der Rampe nieder. Ermittlungen ergaben, dass der Mann bereits am Vorabend der Messerattacken im Bludenzer Bahnhof mit einer Flasche eine Scheibe eines Zuges eingeschlagen hatte, weil er geglaubt hatte, von Neonazis verfolgt zu werden. Der Täter wurde später wegen paranoider Schizophrenie in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen. Er gilt weiterhin als gefährlich.