Ein sprachloser Handydieb am Bezirksgericht

Vorarlberg / 30.10.2019 • 19:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Wusste der Angeklagte wirklich nichts von seinem Diebstahl? Ein gerichtspsychiatrisches Gutachten soll Licht in die Angelegenheit bringen. SYMBOL

Angeklagter weiß nicht, warum er vor Gericht steht: „Hatte völliges Blackout.“

Dornbirn Ein herrlicher Sommertag am 1. August. Blauer Himmel, angenehm warm und die Sonne lacht. Fröhliche Badenixen am Ufer der Dornbirner Ache.

Und ein Mann, der in einer fremden Tasche wühlt. Eine junge Frau beobachtet ihn dabei und flüstert ihrer Freundin zu: „Du, da fummelt einer mit deinem Handy rum!“ Die Angesprochene spricht ihrerseits den Unbekannten an und fordert ihn zur Rückgabe des gefladerten Mobiltelefons auf. Der Fremde, er soll etwas benebelt gewirkt haben, reicht es ihr unverzüglich.

Keine Erinnerung

So die Aussage der Frau als Zeugin bei der späteren Verhandlung am Bezirksgericht Dornbirn. Auf der Anklagebank sitzt der damals Unbekannte. Mittlerweile ausgeforscht als ein 39-Jähriger, in der Schweiz wohnhafter Arbeiter und mehrfach einschlägig vorbestrafter, dreifacher Vater. Beschuldigt wegen Handydiebstahls. Richter Frank Plasinger fragt ihn nach seiner Haltung zu diesem Vorwurf. Und hört nun eine etwas verstörende, ungewöhnliche Begründung, die sich gleich einem roten Faden durch die ganze Verhandlung ziehen sollte: „Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich hier sitze. Ich habe den Grund dafür erst auf der gerichtlichen Ladung gelesen – und keine Erinnerung, wie es zu dem Vorfall gekommen ist“, antwortet er und gibt sich sprachlos ob des Vorwurfs.

„Selbst zur Therapie eingeliefert“

„Und welche Erklärung haben Sie dafür?“, will der Richter wissen. „Ich hatte damals ein Blackout“, behauptet der 39-Jährige. „Es dauerte drei bis vier Tage.“ Übrigens ein altes Leiden, wie er hinzufügt. Ein Phänomen, das zur Scheidung seiner Ehe geführt habe. „Ich habe mich deshalb selbst in der Schweiz zur Therapie eingeliefert, als ein fast hoffnungsloser Sozialfall“, diagnostiziert er selbst sein persönliches Elend.

Und was für ein Elend: „Wie oft habe ich mich schon gefragt, wo ist mein Geld, mein Handy, mein Schlüssel . . .!?“ Immerhin glaubt der Mann, die Wurzel des Übels zu kennen: „Aufgrund meiner ehemaligen Heroinsucht hatte ich Valium und Tabletten auf dem Tisch und sie auch benutzt.“ Auf die Frage des Richters, ob denn ärztliche Gutachten aus der Zeit seiner Therapie existierten, beginnt der Angeklagte unruhig zu wirken. „Ich wüsste nicht“, sagt er lapidar. So schlägt der Richter die Untersuchung durch einen gerichtspsychiatrischen Sachverständigen in Vorarlberg vor. Darauf der Beschuldigte etwas konsterniert: „Wieso, haben Sie den Eindruck, dass ich gelogen habe?“ „Dann hätte ich Sie verurteilt“, entgegnet Plasinger. Die Verhandlung wird vertagt. Bis das Gutachten vorliegt. Der Angeklagte geht vorläufig von dannen. Etwas verstört allerdings.