Christine: mit dem Tod auf Du und Du

Vorarlberg / 31.10.2019 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Christine besucht oft das Grab ihrer verstorbenen Angehörigen. PHILIPP STEURER

Christine (55) verlor schon viele enge Angehörige. Die Verluste veränderten sie als Mensch.

Vandans Mit 12 Jahren sah Christine (55) zum ersten Mal einen toten Menschen. „Meine Großmutter war gestorben. Sie wurde im Schlafzimmer aufgebahrt. Oma lag angekleidet auf dem Bett. Es war seltsam, dass sie nicht mehr atmete.“ Ein Jahr später verlor das Mädchen abermals einen geliebten Menschen. Ein Herzinfarkt brachte ihren 56-jährigen Vater ins Grab. Sein plötzlicher Tod war ein Schock für Christine. „Ich war ein Papa-Kind.“ Nach seinem Tod besuchte der Teenager einen Winter lang jeden Tag die Frühmesse. „Ich suchte nach etwas, das mich verstehen ließ.“

Schwester starb bei einem Autounfall

Der Vater war gerade 14 Monate tot, als die nächste Katastrophe über die Familie hereinbrach. Christines 13 Jahre ältere Schwester Elisabeth kam bei einem Autounfall ums Leben. „Der Fahrer war am Steuer eingeschlafen. Das Taxi donnerte frontal in einen Lkw. Drei Menschen waren auf der Stelle tot.“ Lisbeth, wie sie von allen liebevoll genannt wurde, hinterließ eine elfjährige Tochter. „Meine Mama war immer hart im Nehmen. Aber da weinte sie. Es war das erste und letzte Mal, dass ich sie weinen sah.“ Der Tod der 28-jährigen Schwester traf auch Christine. „Lisbeth tanzte gerne. Wir haben oft miteinander getanzt in der Stube.“ Die Montafonerin verbindet viele schöne Erinnerungen mit ihr. „Ich habe ihr immer die Haare geföhnt. Danach musste ich ihr versprechen, dass ich Friseurin werde. Lisbeth meinte, ich hätte die Hände dafür.“

„Im Jenseits muss es schöner sein als bei uns. Ich glaube, dass ich all meine lieben Verstorbenen wiedersehen werde.“

Christine, eine Hinterbliebene

Als Christine die Friseurlehre begann, hielt sie sich häufig in der Bibliothek der Berufsschule auf. „Ich verschlang alle Bücher, die mit Tod zu tun hatten. Denn ich wollte wissen, wo meine verstorbenen Angehörigen sind und ob es ihnen dort gutgeht.“ Die Bücher waren der Heranwachsenden ein Trost. Durch sie gewann sie den Glauben, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. „Dort muss es schöner sein als bei uns. Ich glaube fest daran, dass ich alle Verstorbenen einmal wiedersehen und wir wieder gemeinsam an einem Tisch sitzen werden.“

Auch später konfrontierte sie das Leben immer wieder mit dem Tod. 1987 starb ihre Patentante 64-jährig. „Als ich klein war, war sie ein ganz wichtiger Mensch für mich, weil sie immer sehr lieb zu mir war.“ 1992 musste sie wieder von einem Menschen Abschied nehmen, der ihr etwas bedeutete: Ihr 49-jährigen Schwager erlag einer Krebserkrankung. Im Jahre 2000 kam ihr anderer Schwager 42-jährig bei einem Arbeitsunfall um. „Eine Platte fiel auf ihn.“ Christine stand seiner Witwe, ihrer Schwester Andrea, in dieser schweren Zeit bei. „Wir sind oft miteinander spazieren gegangen und haben viel über den Tod gesprochen.“ Sie ahnten nicht, dass auch sie nur wenige Jahre später für immer voneinander Abschied nehmen mussten. Andrea ging im Jahr 2010. „Sie hatte im Kopf ein Aneurysma. Drei Wochen nach der Operation starb sie. Sie war erst 48 Jahre alt.“

Familie war ihr eine Stütze

Ihr Tod riss eine Lücke in Christines Leben. „Sie war meine Schwester. Und nicht nur das. Sie war auch meine beste Freundin. Ich trauerte lange um sie.“ Kurz nach ihrem Tod geschah etwas, das Christine erneut das Gefühl gab, dass uns geliebte Menschen auch nach ihrem Tod begleiten. „Andrea kam in der Nacht zu mir. Es war, als ob sie mich umarmen würde. Sie sagte, dass ich ihrer Putzfrau noch Geld und ihrem Chef den Schlüssel geben müsse.“ Für Christine war es ein schönes Erlebnis, „aber es war nur diese Nacht.“ Andreas Weggang empfand sie als besonders schlimm. „Ich schimpfte mit dem Herrgott und sagte zu ihm: ,Jetzt ist es genug.‘“ Zwei Jahre später verschied Christines Mutter. „Für sie war der Tod eine Erlösung. Sie hatte jahrelang unter Schmerzen gelitten.“

Christine verkraftete die Verluste, weil ihr ihre Familie eine Stütze war und sie professionelle Trauerbegleitung in Anspruch nahm. „Du schaffst es, wenn du einen starken Rückhalt hast.“ Aber die Verluste veränderten die dreifache Mutter als Mensch. „Mir ist bewusst, dass das Leben nicht ewig dauert und es jederzeit vorbei sein kann. Deshalb genieße ich mein Dasein sehr. Es ist so kostbar, weil es so zerbrechlich ist.“