Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Hey Demokratie!

Vorarlberg / 01.11.2019 • 07:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

An der Südmauer des Landestheaters prangt seit einiger Zeit ein Spruchband, das Frau Ammann aus der Seele schreit: „Hey Demokratie, bist du noch zu retten?“ Die knallen da an die Wand, was mich schon seit Monaten beutelt wie ein Herbststurm, sagt sie. Einer Umfrage ist zu entnehmen, dass drei Viertel der FPÖ-Wähler und immerhin ein Drittel der ÖVP-Wähler an der Demokratie als bester Regierungsform zweifeln. Wie bitte? Und keiner schreit auf? Der größte Zivilisationsbruch der Menschheit ist gerade mal 75 Jahre her, ein Desaster, das sich bekanntlich durch die Zerstörung der jungen Demokratien in Österreich und Deutschland entladen hatte. 50 Millionen Tote waren der Preis für die Diktatur.

Schon wieder müde?

Acht Jahrzehnte friedliches und prosperierendes Europa sind der guten alten Demokratie geschuldet, aber rechts der Mitte wird man ihrer schon müde? Was wollen denn die Wähler rechts der Mitte? Ein bissl illiberale Demokratie?

„Was wollen denn die Wähler rechts der Mitte? Ein bissl illiberale Demokratie? Autokratie? Orbanisierung?“

Autokratie? Orbanisierung? Ein System, das grundlegende Basiswerte korrumpiert? Das hatte ja Strache in Ibiza als Wunschszenario gesehen und jeder 5. Österreicher wäre mitmarschiert. Kann man so schnell vergessen? Klar, kann man: 56 % (!! ) der Österreicher wissen laut Umfragen nicht mal, was im Holocaust geschehen ist. Kurz vor der Katastrophe hatten sowohl in Deutschland als auch in Österreich bürgerliche Eliten die Sozialdemokratie und sonstige Gegner von der Regierungsbeteiligung ausgeschlossen, weil sie der Kompromisssuche müde waren. Faschismus ist praktischer.

Ohren spitzen

Hans Kelsen, der vielgerühmte Architekt unserer Bundesverfassung, gab genau dieser Kompromisslosigkeit der Parteien die Schuld am Scheitern der jungen Demokratien. Vom Konzept des bürgerlichen Rechtsblocks, „sich mit Hitler die Linken vom Leib zu halten“, hielt er gar nichts. 1932 schrieb er: “Die Intellektuellen, die heute gegen die Demokratie kämpfen und damit den Ast absägen, auf dem sie sitzen, sie werden die Diktatur, die sie rufen, verfluchen, wenn sie erst unter ihr leben müssen und nichts mehr ersehnen als die Rückkehr zur verlästerten Demokratie.“
Man sollte den Jungen so früh wie möglich unsere Geschichte näherbringen und begreiflich machen, dass parlamentarische Diskurse zwischen Repräsentanten unterschiedlichster Weltanschauungen am Ende zu Kompromissen führen, die schließlich in Gesetze gegossen werden. Das ist eine zivilisatorische Errungenschaft, kein Gequatsche, und am Ende der Humus, aus dem SIE sprießt, die Demokratie. Den Alten, die es immer noch nicht begriffen haben, ist nicht zu helfen, aber die Jungen sollten die Ohren spitzen.

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.