Keine Priester zweiter Klasse

Vorarlberg / 02.11.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Trotz seines Alters ist der Koblacher Erwin Kräutler (80) immer noch ein streitbarer Geist. VN/PAULITSCH

Amazonien-Synode ist für Bischof Erwin Kräutler ein Weckruf an die Welt.

Bregenz Dem Beharren von Alt-Bischof Erwin Kräutler ist es zu verdanken, dass der Papst eine Amazonien-Synode einberufen hat. Drei Wochen tagten die Bischöfe im Vatikan, um unter anderem die Möglichkeit der Priesterweihe für verheiratete Männer und der Diakonweihe für Frauen zu diskutieren. Obwohl nicht alles auf Punkt und Beistrich zufrieden gelaufen ist, blickt Dom Erwin, wie er in Brasilien genannt wird, doch mit Zuversicht in die kirchliche Zukunft.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Der Schlusstext ist nicht exzellent, aber gut. Wir hätten uns natürlich erwartet, dass es mit den gewünschten Maßnahmen wie etwa der Diakoninnenweihe schneller geht. Die wurde leider nicht beschlossen, aber die Forderung ist im Abschlussdokument enthalten. In einer Abstimmung haben sich acht der zwölf Sprachgruppen für die Diakoninnenweihe ausgesprochen, deshalb kann davon ausgegangen werden, dass sie in nächster Zeit kommt, wenn auch vorläufig nur in Amazonien. Außerdem wird eine dazu bestehende Kommission wiederbelebt und mit neuen Personen erweitert.  

Ist es nicht ein kleiner Wermutstropfen, dass sich Maßnahmen wie die Priesterweihe für verheiratete Männer und die Diakonweihe für Frauen auf Amazonien beschränken?

Ich denke, die Synode war ein Meilenstein für die Weltkirche, denn die Impulse werden mit Sicherheit weit über Amazonien hinausgehen.

Kardinal Christoph Schönborn meinte, das Grundgerüst des Priesterberufs werde immer ehelos sein. Wie sehen Sie das?

Die Abschaffung des Zölibats kommt sicher nicht, aber es wird neben dem Zölibat eben künftig noch andere Zugänge zum Weihepriestertum geben, nämlich verheiratete Männer mit Familie. Deshalb sind sie keine Priester zweiter Klasse. In anderen Religionsgemeinschaften gibt es sie schon lange. Der Zölibat selbst ist eine Lebensentscheidung.

In welcher Form war die Synode ein starkes Zeichen für die Kirche?

Der Papst hat den Mut gehabt, im richtigen Moment eine Synode für Amazonien einzuberufen, denn Amazonien ist gerade jetzt im Blickfeld der ganzen Welt. Aber, wie schon gesagt, hat man nicht nur über die Situation des Amazonas-Gebietes geredet. Es ging auch um neue Wege für die Kirche und da beispielsweise um die Stellung der Frau in der Kirche, dass sie eine Führungsposition hat, dass sie bei Entscheidungen dabei ist. Das alles ist im Abschlusspapier enthalten. Das hatten wir bislang nicht, und ich bin zu hundert Prozent überzeugt, dass es in dieser Frage bald weitergeht.

Hat die Synode auch Antworten darauf gebracht, was die Welt insgesamt braucht?

Die Welt braucht neue Wege für die Kirche, denn die alten sind überholt, und sie braucht eine ganzheitliche Ökologie. Wir können nicht nur über die Ökologie in Amazonien reden, sondern Ökologie ist planetarisch.

Wie kann sich die Kirche ökologisch einbringen?

Das Potenzial, das die Kirche bei diesem Thema hat, ist jenes der Gewissensbildung und der Öffentlichkeitsarbeit. Wir machen keine Projekte, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir weisen die verantwortlichen Regierungen jedoch darauf hin, dass es so nicht weitergeht.

Gab es schon politische Reaktionen aus Brasilien?

Nein, aber die kommen ganz sicher, wobei die meistens vermutlich daneben sein werden. Der brasilianische Präsident hat überhaupt nicht verstanden, worum es bei der Synode geht.

Welchen Stellenwert hat die Amazonien-Synode in Ihrem Lebenslauf?

Sie ist auch für mich ein Meilenstein und noch lange nicht vorbei. Als Versammlung ist die Synode abgeschlossen, doch der Prozess geht weiter. Ich wurde ja in den nachsynodalen Rat gewählt. Deshalb werde ich künftig wohl öfter nach Rom müssen.