„Im Herzen bleibe ich Ungarin“

Vorarlberg / 03.11.2019 • 18:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Emilia Mathis’ Flucht vor den Rotarmisten endete in Vorarlberg.

Heidi Rinke-Jarosch

LOCHAU „Es ist ein Unterschied, ob man gehen will oder gehen muss. Ich musste.“ Emilia Mathis sitzt am Wohnzimmertisch in ihrem Haus in Lochau und blättert in einem alten Familienalbum. Die Augen der 93-Jährigen leuchten, wenn sie sich erinnert an damals, an ihre „wunderschöne Kindheit in totaler Freiheit“, an die Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Holt sie die Zeit im und nach dem Krieg ins Gedächtnis zurück, ist das Leuchten in ihren Augen weg.

Es war der 16. Mai 1926, als Emilia in die ungarische Adelsfamilie Tuzson von Polyan hineingeboren wurde. Aufgewachsen ist sie mit einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester. Die Familie besaß ein Wohnhaus in Budapest und ein Jagdhaus in Annavölgy (Region Komarom-Esztergom).

„Ich hätte gerne Agrarwirtschaft studiert“, erzählt Emilia Mathis. Aber nach Abschluss des Gymnasiums mit der Matura im Sommer 1944, war Studieren wegen des Krieges nicht mehr möglich. Der Kampf um Budapest war bereits in Gang. Tag und Nacht fielen Bomben. Die Sowjet-Armee kesselte die Stadt ein.

Flucht Richtung Westen

Am 12. November 1944 verließ die Familie Tuzson von Polyan Budapest und zog nach Kapuvar in West­ungarn. Dorthin war der Betrieb verlegt worden, in dem der Vater als technischer Leiter beschäftigt war. Doch die Rotarmisten breiteten sich auch dort rasch aus. So machte sich die Familie am 8. Jänner 1945 auf den Weg nach Österreich. Ziel war Vorarlberg, um von dort zu Verwandten in die Schweiz zu gelangen. Die Flucht wurde in der burgenländischen Gemeinde Wulkaprodersdorf unterbrochen. Die Tuzson von Polyans kamen wie viele andere Flüchtlinge aus dem Osten in einem Gasthaus unter. Weiterreisen durften sie erst drei Wochen später. „Wir fuhren per Zug in einem Güterwaggon nach Westen, kamen aber nur langsam voran, weil der Zug bei jedem Fliegeralarm stehenblieb und alle aussteigen mussten“, schildert Emilia Mathis. In Feldkirch war Endstation.

Nachdem die Schweiz die Grenzen dichtgemacht hatte, blieb die Familie in Vorarlberg. Unterkunft fand sie in Muntlix. Emilias Vater führte eine kleine Werkstatt, in der er Bürsten für die Landwirtschaft herstellte. „Meine Mutter sprach sehr gut Französisch und arbeitete als Dolmetscherin für die französischen Besatzungstruppen.“ Die damals 18-jährige Emilia fertigte Puppen aus Stoffresten an und verkaufte sie. Aber sie wollte lernen. Auch der Vater trieb sie dazu an: „Er sagte zu mir, Wissen kann einem niemand nehmen.“ So begann sie im Oktober 1945 an der Universität Innsbruck Kunstgeschichte zu studieren.

In Innsbruck lernte sie Hugo Mathis kennen. Der Elektronik-Student aus Hohenems wurde 1949 ihr Ehemann. Im Jahr zuvor zog Emilia jedoch noch mit Eltern und Geschwistern nach Fontainbleau in Frankreich: „Mein Vater bekam dort eine leitende Stelle in einer Firma.“ Das Studium hatte sie abgebrochen, nicht aber die Beziehung mit Hugo Mathis. Das Paar führte einen regen Briefwechsel, „bis wir am 5. Jänner 1949 in Frankreich heirateten und ich danach mit ihm nach Vorarlberg zurückkehrte“. 1950 kam das erste Kind zur Welt: Hugo II. Insgesamt hat Emilia Mathis fünf Kinder geboren und ist mittlerweile Großmutter von 13 Enkeln und 18 Urenkeln.

Am 1. Mai 2002 ereignete sich „das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann“: Tochter Elisabeth starb 41-jährig an den Folgen einer Lungenembolie. Zwei Jahre später stand Emilia Mathis am Grab ihres Mannes. Seitdem lebt sie allein in einem Teil ihres Hauses in Lochau, in das sie mit ihrer Familie 1978 eingezogen war. Den anderen Teil hat sie vermietet.

Kunst gehört zum Alltag

Ihr Studium hat Emilia Mathis´ Berufslaufbahn bestimmt: Sie unterrichtete 18 Jahre am Gymnasium Blumenstraße Kunstgeschichte. Kunstinteressiert ist Emilia Mathis auch als Pensionistin geblieben. Theater- und Konzertbesuche gehören zu ihrem Alltag ebenso wie die regelmäßige Teilnahme am Montagsforum. „Ich kritisiere immer fleißig“, sagt sie und lacht. So bald wie möglich möchte sie auch wieder an Kunstausflügen teilnehmen. Doch das geht noch nicht, weil sie kürzlich gestürzt ist und nun an einer Hüftverletzung laboriert. „Ich rapple mich schon wieder auf. Langsam halt.“

Integrationsprobleme habe sie keine gehabt. Schwierig sei bloß am Anfang der Umgang mit der deutschen Sprache gewesen, resümiert Emilia Mathis: „Ich habe in der Schule acht Jahre Deutsch gelernt. Doch als ich 1945 hier ankam, habe ich kein Wort verstanden. Der Dialekt war für mich eine völlig fremde Sprache.“ Obwohl sie längst österreichische Staatsbürgerin ist, sieht sie Ungarn als ihre Heimat, stellt Emilia Mathis klar: „Im Herzen bleibe ich Ungarin. Immer.“

„Es ist ein Unterschied, ob man gehen will oder gehen muss. Ich musste.“