Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Oh hallo, so lange nicht gesehen!

Vorarlberg / 04.11.2019 • 18:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ihr könnt über Social Media sagen, was ihr wollt, ich bin sehr dankbar dafür. Auch wenn ich es voll und ganz verstehe, wenn ihr sagt: damit will ich nichts zu tun haben, das ist mir zu unübersichtlich, es saugt meine Daten ab und treibt damit Schindluder. Stimmt alles. Es stimmt noch mehr: Manchmal ist es einfach unerträglich, was vor allem Frauen im Internet passiert: die Beschimpfer, die Beleidiger, die anonymen Droher. Manchmal ist es so schlimm, dass man rufen möchte: Schaltet das Internet ab, es ist nicht mehr auszuhalten, es ruiniert die Menschheit.

Aber dann ist es eben auch wieder gut. Wenn man zum Beispiel an einem trüben Sonntagnachmittag mit tropfender Nase auf der Couch liegt und plötzlich rasseln aus der Familien-Whatsappgruppe die Nachrichten in meinen Laptop: Schwestern und Mutter sitzen offenbar zusammen, haben das neue Whatsapp-Memoji entdeckt und probieren das jetzt mal ausführlich aus. He, wie macht man das? Ich kann es jetzt auch und bin nebenbei über alle Neuigkeiten in und um die Familie informiert. Schön.

„Schaltet das Internet ab, es ist nicht mehr auszuhalten, es ruiniert die Menschheit.“

Auch schön: Wie einen die sozialen Medien an früher erinnern, einen mit Menschen verbinden, die man schon lange, manchmal Jahrzehnte nicht gesehen hat. Ich habe auf Instagram meine Kindheitsfreundin wieder gefunden, ich weiß nicht mehr wie, ich glaube, sie fand mich und schrieb mir. Ich habe immer wieder von ihr gehört, unsere Mütter sind noch immer befreundet, aber gesehen habe ich sie seit, glaub ich, 35 Jahren nicht. Sie lebt schon sehr lange in Frankreich, ich in Wien, da läuft man sich nicht so oft über den Weg. Ich weiß, dass sie schon Enkel hat, und jetzt folgen wir uns auf Instagram und ich kann sehen, was sie so macht: Sie hat einen wunderschönen alten Citroen-Bus zu einem mobilen Wolle-Laden umgebaut, und mit dem fährt sie in Frankreich von Markt zu Markt. Als Kinder haben wir uns ausgemalt, dass wir mit einem Pferd und einem Planwagen durch die Gegend gondeln, wenn wir groß sind, und irgendwie, ein bisschen anders, macht sie das jetzt. Fantastisch. Ich fahre jetzt gerne per Instagram mit ihr mit.

Apropos Wolle, auch eine andere Kindheitsfreundin schrieb mir vor einiger Zeit, auf Facebook. Oh, hallo! Ich schaute mir ihre Fotos an, was sie so macht, was so ihre Leidenschaften sind. Damals hatte sie eine rote Vespa, jetzt fährt sie Motorrad. Sie strahlt immer noch wie früher. Und sie schickte mir ein Foto von etwas, das ich vergessen hatte: Eine kleine Puppe, die ich ihr mit 16 gestrickt hatte, einen kleinen Prinzen aus Wolle. Ich konnte mich erst wieder daran erinnern, als ich ihn gesehen habe. Sie sagte, der fahre immer noch mit ihr mit; und ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das freut.

Doris Knecht
doris.knecht@vn.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel