„Ich bin dankbar, dass der Unfall passiert ist“

Vorarlberg / 05.11.2019 • 18:28 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Doris und ihr Hund Mike. Der Vierbeiner bedeutet ihr alles. kum
Doris und ihr Hund Mike. Der Vierbeiner bedeutet ihr alles. kum

Doris war 28 Jahre alt, als ein Reitunfall ihr Leben völlig veränderte.

Bludenz Doris spaziert mit ihrem Hund Mike zur Lourdes-Kapelle. Zwei- bis dreimal im Monat besucht die 53-Jährige dieses Gotteshaus, um der Muttergottes zu danken, „dass es uns so gut geht“. Nachdem sie mit der heiligen Maria Zwiesprache gehalten hat, schreibt sie – wie immer – noch etwas in das Buch, das in der Kapelle aufliegt. „Schau auf mich und Mike“, kritzelt sie heute hinein.

Auf dem Heimweg sieht sie am Himmel einen Greifvogel kreisen. Sie bleibt stehen und beobachtet ihn eine Weile. „Ich könnte ihm tagelang zuschauen.“ Doris war schon immer ein tierlieber Mensch. Aber dann hatte sie einen Reitunfall. „Seither liebe ich die Tiere noch mehr. Denn ein Tier kann nie so falsch und hinterlistig sein wie ein Mensch.“ Der Unfall, bei dem sie um ein Haar ihr Leben verloren hätte, war nicht das Schlimmste in ihrem Leben. Das Schlimmste war, dass die Menschen sie danach enttäuschten. „Da lernte ich sie richtig kennen.“

„Bin mit den Menschen fertig“

Der Unfall machte Doris zu einer Invalidin. Das hatte zur Folge, dass ihre Ehe zerbrach und die Menschen über sie zu lästern begannen: „Die hat was am Hirn. Die kannst du nicht mehr ernst nehmen“, hörte sie sie tuscheln. Böse Dinge wurden auch über sie gesprochen, weil sie aufgrund einer Lähmung der rechten Körperseite nicht mehr gerade gehen kann: „Die ist schon morgens um 8 Uhr besoffen“, war eines vom Scheußlichsten, das ihr zu Ohren kam. „Seither bin ich mit den Menschen fertig. Du wirst nur ausgenutzt. So lange du funktionierst, passt es. Aber wehe, wenn du nicht mehr funktionierst, dann wirst du wie ein Stück Papier weggeworfen“, meint sie und krault ihrem Hund die Ohren. Der Vierbeiner begleitet sie seit neun Jahren durchs Leben. „Mike bedeutet mir alles“. Die Invaliditätsrentnerin holte ihn als Welpen zu sich, um eine Aufgabe zu haben. Denn der Tod ihres geliebten Pferdes Föhn hatte in ihrem Leben eine Lücke hinterlassen.

Ihr Vater hatte ihr den Hengst zum 18. Geburtstag geschenkt. Mit ihm ritt die Industriekauffrau nach der Arbeit jeden Tag aus. Auch am 28. Februar 1994 stieg Doris aufs Pferd. „Die Straßen waren eisig. Föhn rutschte aus. Mich schleuderte es aus dem Sattel. Dann fiel das 600 Kilo schwere Pferd auf mich.“ Der Notarzt reanimierte die 28-Jährige am Unfallort. Nach mehreren Versuchen begann ihr Herz wieder zu schlagen. Doris hatte drei Gehirnblutungen erlitten. Die junge Frau lag einen Monat im Koma. Darüber berichtet sie: „Ich habe in der Ferne ein helles Licht gesehen. Es strahlte eine unglaubliche Wärme aus. Ich wollte unbedingt dorthin und streckte die Hände danach aus. Aber ich erreichte es nicht.“

Nach vorne schauen

Als sie zu Bewusstsein kam, konnte sie nicht mehr gehen, sprechen und essen. „Ich musste alles mühsam lernen.“ Obwohl sie jetzt gehandicapt war, war sie guten Mutes. Denn: „Ich war so dankbar, dass ich überlebt hatte. Es war mir egal wie, Hauptsache überlebt.“ Sie bemitleidete sich nicht. „Das bringt nichts. Man muss nach vorne blicken. Immer.“

Noch im Rollstuhl besuchte sie ihr Pferd, das bei dem Unfall nicht verletzt worden war. „Man wollte es einschläfern. Aber mein Vater sagte: „Das ist ihr Ein und Alles. Es bleibt da.‘“ Doris ritt auch nach dem Unfall regelmäßig mit Föhn aus, so lange, bis das Ross zu alt dafür war. „Zum Schluss bin ich mit ihm spazieren gegangen.“ Föhn starb vor ihren Augen. „Ich hatte ihn 25 Jahre.“ In ihrer Wohnung erinnern Fotos an ihn. Er war ein stattlicher Hengst. Doris denkt oft mit Liebe an ihn. Manchmal kommt ihr dann auch der schicksalhafte Tag in den Sinn, der ihr Leben völlig veränderte. Den Reitunfall sieht sie heute aus einer größeren Perspektive. „Ich bin dankbar, dass er passiert ist. Denn er veränderte mich positiv. Vorher war ich großkotzig. Jetzt bin ich nicht mehr hochnäsig.“

„Ich war so dankbar, dass ich überlebt hatte. Es war mir egal wie, Hauptsache überlebt.“