Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Luca – eine Geschichte in fünf Teilen. Erster Teil

Vorarlberg / 05.11.2019 • 17:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wir saßen einander im Zug gegenüber. Die Frau, sie stellte sich mir als Luca vor, begann. Sie war elegant, in meinem Alter. Schließlich öffnete sie mir ihr Herz.

„Ich wurde als Kind von meinen Eltern launisch verwöhnt“, begann sie, „einmal von der Mutter, einer Italienerin, und auch von meinem Vater. Waren die beiden zufrieden mit sich selbst, wurde ich belohnt. Ich besaß ein Unmenge Puppen und liebte keine einzige. Einmal hatte ich auf dem Spaziergang mit meinem Vater ein Holz aus dem Wasser gefischt, es war schön abgeschliffen und griff sich seidig an. Ich putzte es an meinem Pullover trocken und küsste es. Ich fand, es sah aus wie ein kleiner Mensch. Mein Vater fand das auch, er war guter Dinge an diesem Tag. Nicht so nachdenklich wie fast immer. Der kleine Mensch wurde mein Lieblingsspielzeug. Ich redete mit ihm, er ließ sich alles sagen und war nicht unberechenbar wie die Mutter, die ein Baby erwartete, das ich schon in ihrem Bauch nicht wollte. Ich zog die Mundwinkel nach unten, mein Mund ist breit, war meistens aber rau, aufgesprungen, weil ich die Angewohnheit hatte, heftig daran zu schlecken. Ich hörte, wie die Mutter zum Vater sagte, dass sie ihren Bauch hasse und das Baby hasse, und überhaupt hasse sie alle Kinder, auch mich, weil ich hinterhältig sei wie er, ihr Mann. Der Vater ließ sie schimpfen, er versuchte sie nicht zu besänftigen, weil er wusste, es wäre vergebens, sie würde dadurch nur noch wütender.“

„Sie war elegant, in meinem Alter. Schließlich öffnete sie mir ihr Herz.“

So erzählte die Frau, die Luca hieß, und ich wunderte mich und machte ein entsprechendes Gesicht.

„Alles wäre falsch“, fuhr sie fort, als könnte sie mein Gesicht nicht deuten. „Mein Vater arbeitete in einer Autofirma, aber nur die schwierigen Fälle, sagte er, kommen ihm unter die Finger. Er sprach vom Reparieren eines Autos wie ein Chirurg vom Aufschneiden eines Bauches, ein Star-Chirurg. Er hatte einen Kollegen in der Firma, mit dem er manchmal nach der Arbeit auf ein Bier ging. Dem erzählte er von seinem Kummer, es war nämlich Kummer für ihn, dass sie noch ein Baby bekamen. Seine Frau war eine schlechte Mutter. Mein Vater sagte das nicht, er dachte es sich, laut sagte er: Verhütungsmittel lehnt sie ab, von der Pille wird sie fett, die Spirale tut ihr weh. Der Freund sagte, seine Frau lasse sich ein Stäbchen in den Oberarm einpflanzen, das halte drei Monate und verhüte die Empfängnis. Das wollte mein Vater seiner schwierigen Frau vorschlagen.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.