Als Invalidin lernte Doris die Menschen richtig kennen

Vorarlberg / 06.11.2019 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Doris und ihr Hund Mike. Der Vierbeiner bedeutet ihr alles. VN/Kum

Doris war 28 Jahre alt, als ein Reitunfall ihr Leben komplett veränderte.

Bludenz Doris spaziert mit ihrem Hund Mike zur Lourdes-Kapelle in Bludenz. Zwei- bis dreimal im Monat besucht die 53-Jährige dieses Gotteshaus, um der Muttergottes zu danken, „dass es uns so gut geht“. Nachdem sie mit der heiligen Maria Zwiesprache gehalten hat, schreibt sie wie immer noch etwas in das Buch, das in der Kapelle aufliegt. „Schau auf mich und Mike“, kritzelt sie heute hinein.

Auf dem Heimweg sieht die gebürtige Oberösterreicherin am Himmel einen Greifvogel kreisen. Sie bleibt stehen und beobachtet ihn eine Weile. „Ich könnte ihm tagelang zuschauen.“ Doris war schon immer ein tierliebender Mensch. Aber dann hatte sie einen Reitunfall. „Seither liebe ich die Tiere noch mehr, denn ein Tier kann nie so falsch und hinterlistig sein wie ein Mensch.“

Enttäuscht von den Menschen

Der Unfall, bei dem sie um ein Haar ihr Leben verloren hätte, war nicht das Schlimmste in ihrem Leben. Das Schlimmste war, dass die Menschen sie danach enttäuschten. „Da lernte ich sie richtig kennen.“ Der Unfall machte Doris zu einer Invalidin. Das hatte zur Folge, dass ihre Ehe zerbrach und die Menschen in ihrer Umgebung über sie zu lästern begannen: „Die hat was am Hirn. Die kannst du nicht mehr ernst nehmen“, hörte sie sie tuscheln. Böse Dinge wurden auch über sie gesprochen, weil sie aufgrund einer Lähmung der rechten Körperseite nicht mehr gerade gehen kann: „Die ist schon morgens um 8 Uhr besoffen“, war etwas vom Scheußlichsten, was ihr zu Ohren kam. „Seither bin ich mit den Menschen fertig. Du wirst nur ausgenutzt. So lange du funktionierst, passt es. Aber wehe, wenn du nicht mehr funktionierst, dann wirst du wie ein Stück Papier weggeworfen“, meint sie und krault ihrem Hund die Ohren.

Der Vierbeiner begleitet sie seit neun Jahren durchs Leben. „Mike bedeutet mir alles.“ Die Invaliditätsrentnerin holte ihn als Welpen zu sich, um eine Aufgabe im Leben zu haben, denn der Tod ihres geliebten Pferdes Föhn hatte in ihrem Leben eine große Lücke hinterlassen. Ihr Vater hatte ihr den Hengst zum 18. Geburtstag geschenkt. Mit ihm ritt die Industriekauffrau nach der Arbeit jeden Tag aus.

Im Koma ein Licht gesehen

Auch am 28. Februar 1994 stieg Doris aufs Pferd. „Die Straßen waren an diesem Tag eisig. Auf einer Anhöhe rutschte Föhn aus. Mich schleuderte es aus dem Sattel. Dann fiel das 600 Kilo schwere Pferd auf mich.“ Der Notarzt reanimierte die 28-Jährige am Unfallort. Nach mehreren Wiederbelebungsversuchen begann ihr Herz wieder zu schlagen. Doris hatte drei Gehirnblutungen erlitten. Die junge Frau lag einen Monat im Koma. Darüber berichtet sie: „Ich habe in der Ferne ein helles Licht gesehen. Es strahlte eine unglaubliche Wärme aus. Ich wollte unbedingt dorthin und streckte die Hände danach aus. Aber ich erreichte es nicht.“

„Ich war so dankbar, dass ich überlebt hatte. Es war mir egal wie, Hauptsache überlebt.“

Doris, Invalitätsrentnerin

Als sie wieder zu Bewusstsein kam, konnte sie nicht mehr gehen, nicht mehr sprechen und nicht mehr selber essen. „Ich musste alles mühsam lernen.“ Obwohl sie jetzt gehandicapt war, war sie guten Mutes. Denn: „Ich war so dankbar, dass ich überlebt hatte. Es war mir egal wie, Hauptsache überlebt.“ Sie bemitleidete sich nicht. „Wenn du das tust, bist du verloren. Man muss nach vorne blicken. Denn es geht immer vorwärts.“

Noch im Rollstuhl besuchte sie ihr geliebtes Pferd, das bei dem Unfall nicht verletzt worden war. „Man wollte es einschläfern. Aber mein Vater sagte: „Das ist ihr ein und alles. Es bleibt da.‘“ Doris ritt auch nach dem Unfall regelmäßig mit Föhn aus, solange, bis das Ross zu alt dafür war. „Zum Schluss bin ich mit ihm spazieren gegangen.“ Föhn starb vor ihren Augen. „Ich hatte ihn 25 Jahre.“ In ihrer Wohnung erinnern Fotos an ihn. Er war ein schöner und stattlicher Hengst. Doris denkt oft mit Liebe an ihn. Manchmal kommt ihr dann auch der schicksalhafte Tag in den Sinn, der ihr Leben komplett veränderte. Den Reitunfall sieht sie heute aus einer größeren Perspektive. „Ich bin dankbar, dass er passiert ist. Denn er veränderte mich als Mensch positiv. Vorher war ich großkotzig. Ich fühlte mich besser als andere und redete nicht mit jedem. Nachher war ich nicht mehr so hochnäsig. Heute gebe ich mich mit kleinen Dingen zufrieden.“