Es ist genug für alle da

Vorarlberg / 06.11.2019 • 19:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sabine Gritzner-Stoffers: Viel von der Sozialgesetzgebung der Bibel ist leider verloren gegangen.TM
Sabine Gritzner-Stoffers: Viel von der Sozialgesetzgebung der Bibel ist leider verloren gegangen.TM

Bibel bietet zum Spannungsfeld arm und reich weit mehr als fromme Sprüche.

Bregenz Am Westeingang der Bonifaziuskirche von Dortmund empfängt den Besucher in Stein gehauene Sozialkritik: Das Kamel, das kaum seinen Kopf durch ein Nadelöhr zwängt – Sinnbild für den Reichen, der noch weit schwieriger in den Himmel kommt. Geht es darum? Malt die Bibel in Schwarz-Weiß? Da arm und gut, dort reich und böse? Zum Auftakt der ökumenischen Gespräche, die sich in Bregenz drei Dienstage in Folge mit der großen Kluft von Haben und Darben auseinandersetzen, zieht die evangelische Pfarrerin und Religionslehrerin Sabine Gritzner-Stoffers Altes und Neues Testament zurate. Dabei fallen ihr keine frommen Sprüche, wohl aber Gesetze in die Hand, die alle eines wollen: sozialen Ausgleich schaffen. Ausgehend von der Überzeugung: „Es ist genug da für alle.“

Gritzner-Stoffers erzählt noch einmal vom Exodus des Volkes Israel. Es ist der ägyptischen Sklaverei entronnen. Freudig zogen sie aus. Aber nach Tagen zermürbt die Flüchtlinge der Hunger in der Wüste. „Die Leute murren, sie wären lieber gestorben an den Fleischtöpfen Ägyptens, als im glühenden Sand so erbärmlich zu vegetieren.“ Da erbarmt sich Gott und lässt Manna vom Himmel regnen. Er weist die Israeliten an: Jeder soll so viel sammeln, wie er braucht. Schlaue legten sich Vorräte an. Aber die waren anderntags verdorben. „Die Gabe Gottes lässt sich nicht horten. Das wäre Missbrauch am Vertrauen.“ Gehortetes Manna stinkt und verdirbt. Nachsatz: „Gehortetes Geld leider nicht.“

Dass der Gesetzesanteil der Tora in der christlichen Überlieferung auf die zehn Gebote und Christi Doppelgebot der Liebe reduziert wurde, empfindet Gritzner-Stoffers als enormen Verlust. „So ging das ganze Wirtschafts- und Sozialrecht, das Fremdenrecht und vieles mehr verloren.“

Tatsächlich kennen die Gesetzgeber des Alten Testaments ihre Pappenheimer. „Armut ist allgegenwärtig.“ Bestechung, Lobbyismus, Rechtsbeugung, Wucher – all das gab es schon damals. Propheten wie Amos prangerten das Luxusleben der Schickeria an. Besonders heftig gehen sie mit den frommen Reichen ins Gericht, deren Auffassung zufolge Armut den Menschen auch kultisch unrein macht und vom Tempel ausschließt. „Ich hasse Eure Feste“, schreit der Prophet und: „Euer Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, / die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Da liest man Kritik am übermäßigen Grundbesitz genauso wie am Kreditwesen, das Unzählige ins Verderben stürzt. Deshalb kennt die Tora auch Entschuldungsmechanismen wie das Jobeljahr, Zinsverbote, Armensteuer, Rechte der Tagelöhner und eine zeitliche Beschränkung der Schuldsklaverei.

Ein Radikaler

Um wie viel süßlicher klingen da die Seligpreisungen der Bergpredigt … Abermals muss Gritzner-Stoffers enttäuschen. „Die Jesusbewegung ist keine Mittelschichtkirche, sie ist eine Kirche der Fischer, Kleinbauern, Armen. Und Jesus ist ein Radikaler.“ Die Seligpreisungen vertrösten nicht. Wenn Jesus von den Armen im Geiste spricht, meint er nicht die Verrückten, „sondern jene, die so arm sind, dass ihnen sogar das Gottvertrauen genommen wurde“. Die Sanftmütigen, die das Land erben, haben es zuvor verloren und sollen es nun zurückerhalten, um sich und ihre Familien zu ernähren. Und die reinen Herzens sind? Das sind nicht die Naiven. „Im Judentum ist das Herz das, was bei uns der Kopf ist.“ Das moralische Zentrum, das Gewissen.

Das alles atmet revolutionären Geist. So zeigen die biblischen Texte im Laufe des Abends ihr aktuelles Gesicht und lassen erahnen, was es bedeuten würde, wenn wir das Buch der Bücher ernst nähmen. TM

Ökumenische Gespräche Bregenz 2019

Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich!

Dienstag, 12. November 2018 Dr. Markus Schlagnitweit: Konkret handeln in globaler Verantwortung. Die globale Situation von Reichtum und Armut auf Grundlage der Enzyklika „Laudato si“.

Dienstag, 19. November 2018 Dr. Magdalena Holztrattner: Österarm – zu reich um zu teilen? Österreich gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Trotzdem würde fast die Hälfte der Bevölkerung in Armut leben, würde der starke Sozialstaat nicht für Umverteilung sorgen. Diese staatlich gesicherte Solidarität ist jedoch in jüngster Zeit gefährdet.

Ort Evangelische Kreuzkirche am Ölrain, Gemeindesaal

Beginn 19.30 Uhr, Impulsreferate mit anschließender Diskussion

Moderation Thomas Matt

Veranstalter Katholische Kirche in Bregenz und Evangelische Pfarrgemeinde Bregenz in Kooperation mit dem Ökumenischen Bildungswerk Bregenz und den VN