„Das Gefühl, dass es jeder weiß“

Vorarlberg / 10.11.2019 • 22:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Kindesmissbrauch: Veröffentlichen oder schweigen?

Dornbirn Etwas versteckt liegt das Büro des IfS-Kinderschutzes am Marktplatz 3/Eingang Winkelgasse in Dornbirn. Nach der Anmeldung über die Sprechanlage wird dem Besucher die Türe geöffnet, und Jutta Lutz-Diem, studierte Psychologin und Leiterin des IfS-Kinderschutzes, empfängt einen freundlich. Die Frage, soll man, und wenn ja, wie soll man über Kindesmissbrauch berichten, kann sie sofort beantworten. „Aus Sicht des Opfers ganz klar ‚nein‘, denn der Bericht kann noch so anonym sein, der Betroffene erkennt sich wieder und hat das Gefühl, jeder weiß, was ihm passiert ist.“ Nicht so klar ist die Antwort, wenn es um Prävention und um das Öffentlichmachen von Missständen geht. Damit andere Opfer sehen, dass sie nicht alleine sind und dass es Hilfsangebote gibt. Um wachzurütteln, genau hinzuhören, wenn Kinder etwas Eigenartiges erzählen, um Mut zu machen, jeden Verdacht zu melden. Der Meldung wird anonym nachgegangen. „Kinder brauchen den Schutz der Erwachsenen, allein sind sie hilflos“, betont die Expertin.

Für Akutes und Krisen

Die Einrichtung ist spezialisiert auf akute Gefährdung von Vier- bis 18-Jährigen. Sie ist keine Therapieeinrichtung und dient auch nicht der Informationssammlung für einen allenfalls anstehenden Prozess. „Unser Wunsch wäre es, noch vor einer Anzeige in einen Fall involviert zu werden“, sagt die Psychologin. Sie stellt klar, dass es nicht ihre Aufgabe ist, die Kinder nach den Vorkommnissen zu fragen, und sie warnt auch Eltern und Betroffene davor, immer und immer wieder bei den Kindern nachzuhaken, was genau passiert ist. „Die Kinder sollen vor der Polizei möglichst authentisch erzählen, was vorgefallen ist. Wenn dort die fünfte Version präsentiert wird, ist die Geschichte verfälscht.“ Bei der Polizei und auch bei Gericht ist immer eine Fachkraft vom Kinderschutz dabei.

Transparenz

Bezüglich der allfälligen Konsequenzen werde transparent gearbeitet. Mit einer Juristin an der Seite wird erklärt, dass, wenn Anzeige erstattet wird, dem Lebensgefährten, Opa oder Onkel unter Umständen Gefängnis droht. Versprochen werde nichts, denn der Ausgang eines Prozesses ist immer ungewiss. Auch den Kindern macht man diesbezüglich nichts vor. Niemand wird zur Anzeigenerstattung gedrängt, und es geht in erster Linie darum, das Kind zu schützen.

Keine Lösung

Dass es immer eine Gratwanderung sein wird, was veröffentlicht wird und was nicht, ist der Psychologin klar. Dass Medien an zumindest anonymisierten Bildern Interesse haben, um Geschichten greifbarer zu machen, versteht die Beraterin. Dass irgendein Bekannter das Opfer kontaktiert und darauf hinweist, dass der Papa gestern in Handschellen im Fernsehen war, sei aber auch Fakt, und Lutz-Diem weiß von mehr als einem Opfer, das sich nicht mehr im Dorf einkaufen gehen traut, weil es nicht nur das Gefühl hat, jeder weiß es, sondern weil es sich rumgesprochen hat und tatsächlich jeder erraten kann, wer begrapscht oder vergewaltigt wurde. EC

„Der Bericht kann noch so anonym sein, der Betroffene erkennt sich wieder.“