Spannende Einblicke in die Kindheit von damals

Vorarlberg / 11.11.2019 • 18:04 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Christof Thöny (Obmann Geschichtsverein), Brigitte Truschnegg (Moderatorin), Maria Rinner (frühere Hebamme) und Carmen Reiter (Geschichtsverein Bludenz). BI
Christof Thöny (Obmann Geschichtsverein), Brigitte Truschnegg (Moderatorin), Maria Rinner (frühere Hebamme) und Carmen Reiter (Geschichtsverein Bludenz). BI

Erzählcafé zum Thema „Kindsein in Bludenz“.

Bludenz „Kindsein im Städtle“ war das Thema des letzten Erzählscafés des Geschichtsvereins Bludenz in diesem Jahr, das kürzlich im Restaurant Eichamt stattfand. Brigitte Truschnegg führte dabei sehr gekonnt durch den Abend. Sie war auch in das Projekt „Bludenzer Stadtbuch“ eingebunden und hatte in diesem Rahmen viele Gespräche geführt. „Die meisten der Befragten hatten im Rückblick ein sehr positives Bild über ihre Kindheit“, erinnerte sie sich.

Geburten ein Tabuthema

Ein Hauptthema des Abends waren Geburten in früheren Zeiten in den oft kinderreichen Familien. „Aufgewachsen sind wir in der Rathausgasse, wir waren drei Kinder, alles Hausgeburten. Die Hebamme ist mir wie eine Frau Doktor vorgekommen, insbesondere als mein jüngerer Bruder geboren wurde“, erinnerte sich Maria Gunz. Blanka Radl erlebte die Hausgeburt ihrer jüngeren Schwester völlig anders: „Meine Schwester war eine Sturzgeburt, überall war Blut. Als Erklärung bekamen wir zu hören, dass der Storch meine Mama gebissen habe. Das Baby starb nach drei Wochen.“

Mit Maria Rinner war eine Expertin vor Ort, sie war über vierzig Jahre lang Hebamme: „Geburten waren früher eher ein Tabuthema. Es gab Sprengelhebammen, die für einen bestimmten Bereich zuständig waren, auch für die Nachbetreuung. Das Wochenbett dauerte früher zehn Tage lang, die Frauen durften in dieser Zeit gar nichts tun.“ Jutta Leib erzählte, dass die Kinder bei der Geburt eines Geschwisters dahingehend eingebunden wurden, dass zwischen die Sommer- und Winterfenster Zucker für den Storch bereitgelegt wurde.

Viele Gruppenspiele

Aber auch Spiele hatten früher eine ganz andere Bedeutung. „Wir waren oft lange am Abend unterwegs, immer ganz viele Kinder. Es waren dabei auch alle Altersklassen vertreten – vom 6-Jährigen bis zum 16-Jährigen. Gespielt wurde in der ganzen Altstadt. Es gab Spiele wie ‚Zehnerla‘, da wurde mit dem Ball an die Wand gespielt, aber auch Seilspringen mit dem großen Seil und ‚Räuber und Gendarm‘. Zudem gab es Spiele wie ‚Tempel hüpfen‘, ‚Klückerla‘ – es wurde mit einfachen Mitteln gespielt und es gab viele Gruppenspiele“, erzählte Norbert Walter.

Straßen als Spielzone

Auch die Straßen konnten damals noch als Spielflächen genutzt werden. So wurde etwa Völkerball auf der Verkehrsfläche gespielt. Auch sportliche Aktivitäten fanden statt. Bei entsprechender Schneelage wurde etwa direkt durch die Stadt gerodelt. Der Weg in die Schule sei teilweise über Schneeberge erfolgt, da es damals noch keine entsprechende Räumung gab. So erinnerte sich Erna Heinzle, die in Gasünd wohnte, dass ihr Vater auf dem Schlitten eine Heukiste befestigte und die Kinder damit zum Kloster St. Peter beförderte.

Was „früher“ bedeutete, war eine subjektive Definition, das wurde aus den Gesprächen ersichtlich. So wurden Kinder, die weiter entfernt wohnten, in den 1930er-Jahren eher an einem Kostplatz verköstigt, während es in den 50er-Jahren eine Ausspeisung an den Schulen gab. „Der Weg zur Schule stellte damals einen Teil der Tagesbewältigung dar, je nachdem, wo man wohnte“, erkärte Brigitte Truschnegg.

Städle-Banden

Auch von verschiedenen „Banden“ war an diesem Tag die Rede. So gab es beispielsweise die Siedliger oder die Sturnengässler. Die Nikolussi-Bande aus dem Obdorf sei besonders gefürchtet gewesen, meinten wieder andere.

Die Mitarbeit im Haushalt war ein traditionelles Aufgabenfeld für Mädchen, außerdem musste vielfach in den Betrieben der Eltern mitgeholfen werden. Eine Erinnerung teilten vor allem ältere Teilnehmer: Es gab keine Badezimmer, gebadet wurde im Badhaus.

Die Besucher beteiligten sich rege an den Gesprächen. „Es ist der Sinn eines Erzählcafés, dass nach einem Stichwort weitererzählt wird“, betonte Birgitte Truschnegg. BI

„Der Weg zur Schule stellte damals einen Teil der Tagesbewältigung dar.“