Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Luca – eine Geschichte in fünf Teilen. Zweiter Teil

Vorarlberg / 12.11.2019 • 18:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wir waren uns im Zug gegenübergesessen. Die Frau, sie hieß Luca, hatte begonnen. Sie war elegant, in meinem Alter. Beide waren wir scheu, aber bald öffnete sie mir ihr Herz. Sie erzählte von ihrem Vater, als er vor einem Freund sein Herz ausgeschüttet hatte.

Was hält dich bei deiner Frau, wenn sie so eine Krätzn ist?, habe der Freund gefragt, denn er hatte nach ein paar Bier einiges erfahren.

„Was hatte ihn gehalten?“, fragte auch ich.

„Sex. Der Sex mit meiner Frau, sagte er, ist für mich das Beste überhaupt. Ihm kam die vergangene Nacht in den Sinn, und obwohl seine Frau schon hochschwanger war, war der Sex … ihm fiel kein passendes Wort ein. Als er schon eingeschlafen war, hatte sie sich noch einmal auf ihn gesetzt, und er war aufgewacht und hatte gedacht, er habe geträumt. Am Morgen war sie wieder die alte Krätzn gewesen. Er hatte vorsichtig zu ihr gesagt: Luca fürchtet sich vor dir.“

„Haben Sie sich vor Ihrer Mutter gefürchtet?“, fragte ich .

„Habe ich. Als dann das Baby geboren wurde, schrie es den ganzen Tag. Meine Mutter konnte nicht stillen, weil alles sie so aufregte. Mein Vater beantragte zwei Urlaubswochen und buchte eine Reise nach Italien, in das Heimatland seiner Frau, wo sie sich kennengelernt hatten. Sie war Italienerin, mein Gott, damit hatte er vor seinen Kollegen angegeben und war dafür bewundert worden, er hatte ihre Wutausbrüche ihrem italienischen Temperament zugeschrieben. Er buchte ein Fünf-Sterne-Hotel. Meine Mutter jammerte, weil sie niemanden haben würde, der auf mich und das Baby aufpassen würde. Die italienische Großmutter wollte nämlich nicht, sie fand, dass es gut für die junge Familie sei, sich zusammenzuraufen. Ich steckte meinen Kopf in das Schlafkissen, und mein Vater hob mich auf, tippte auf meinen Kopf und fragte: Was wird da drin gedacht, da, hinter deiner Stirn, was wird da gedacht, sag’s mir! Es wurde nichts gedacht in meinem Kopf, da war kein Kompass, nur Unsicherheit. Ich hielt meinen kleinen Holzmenschen an mich gepresst.“

Ich hörte Luca zu. Keine Frage stellte sie an mich. Dann erzählte sie weiter:

„Am nächsten Tag dann, die Sachen waren gepackt, das Baby eingewickelt und an Mutters Bauch gebunden, merkte ich, dass mein kleiner Holzmensch verschwunden war. Mama hatte ihn in den Müll geschmissen. Ich lief ich an den Gärten entlang und versteckte mich in einer Regentonne. Ich hörte, wie mein Name gerufen wurde. Immer wieder.“

„Als dann das Baby geboren wurde, schrie es den ganzen Tag.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.