Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Europäisch ohne Titel

Vorarlberg / 13.11.2019 • 18:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ischl wird Kulturhauptstadt, und wir? Wir haben drei Jahre lang eine wunderbare Erfahrung gemacht. Wir haben darüber nachgedacht und gestritten, was dieses Land Vorarlberg, die Städte im Rheintal, die Region hinein in den Bregenzerwald und darüber hinaus eigentlich ausmacht. Und was die kulturelle Szene hier eigentlich bewegt, bewegen kann, im doppelten Wortsinn.

Offenbar hat es diesen Anstoß von außen gebraucht, aus dem üblichen Modus auszubrechen, der für viele von uns darin besteht, unseren Anteil an einem immer noch mageren Kuchen zu verteidigen, den die Kultur in diesem Land gefüttert bekommt. Mager nicht nur, weil der Stellenwert der Kultur in den bisherigen Landesregierungen mit der gewachsenen Szene nicht Schritt gehalten hat. Aber auch weil man bis heute unter den Kultursponsoren und Mäzenen im Land die großen Unternehmen mit der Lupe suchen musste.

Das Projekt Kulturhauptstadt hat manche Extrarunde gedreht, manchen Purzelbaum geschlagen und mündete trotzdem in etwas Kostbares, auch wenn der Titel schließlich in einer knappen Entscheidung an Bad Ischl ging. Viele kluge, interessante, kreative Menschen haben angefangen, quer zu den Grenzen zwischen etablierter und freier Szene, zwischen Sparten, über Gemeindegrenzen und politische Gräben hinweg, über gemeinsame Themen und Projekte zu sprechen, über Interessen und Bedingungen für eine produktive Kulturlandschaft, und darüber, was kulturelle Kreativität und Vielfalt in einer scheinbar satten Gesellschaft bewegen kann, die in Wirklichkeit ihre Probleme immer noch unter den Teppich kehrt: eine wachsende soziale Spaltung, eine nach wie vor spürbare Benachteiligung von Frauen, sich von Generation zu Generation fortschreibende Bildungsdefizite, ganz und gar nicht nur unter Migranten.

Dazu braucht es freilich den Mut politischer Entscheidungsträger, mehr kulturelle Produktion zu ermöglichen, auch wenn sie nicht als Umwegfinanzierung, sondern als Investition ins Unbekannte wirkt. Dazu bräuchte es ein lebendiges Interesse der – längst global agierenden – Unternehmen im Land, ein Interesse, das den legendären Vorarlberger Pragmatismus auch einmal zugunsten von ungehemmter Neugier hinter sich lassen müsste. Ein wenig ist davon inzwischen zu ahnen, so viel – und das ist nicht gering – hat der bisherige Prozess schon provoziert.

Die vielen gemeinsamen Treffen und Gespräche, Workshops und Coachings, waren von dieser Neugier aufeinander geprägt. Das war produktiv und lässt sich, hoffentlich, nicht so schnell vergessen. Viele Projekte sind auch dann realisierbar, wenn wir in den nächsten Jahren eine europäische Kulturhauptstadt ohne Titel sein werden. Dazu haben sich die BürgermeisterInnen bekannt. Wir müssen sie beim Wort nehmen. Und dann müssen wir auch nicht bis 2024 warten.

„Offenbar hat es diesen Anstoß von außen gebraucht, aus dem üblichen Modus auszubrechen.“

Hanno Loewy

hanno.loewy@vn.at

Hanno Loewy ist Direktor des ­Jüdischen Museums in Hohenems.