„Die Landwirtschaft muss ökologischer gestaltet werden“

Vorarlberg / 14.11.2019 • 11:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Nicht nur der Dickkopffalter ist laut Umweltwissenschaftler Jan Christian Habel mittlerweile selten geworden. TUM, UNI SALZBURG

Insektenforscher schlagen Alarm: Das Artensterben ist laut einer neuen Studie dramatischer als vermutet, auch in Vorarlberg. Landwirtschaft im Visier.

Geraldine Reiner

Schwarzach Wolfgang Weisser, Professor für Terrestrische Ökologie an der Technischen Universität München (TUM), spricht von erschreckenden Zahlen. „Dass ein solcher Rückgang über nur ein Jahrzehnt festgestellt werden kann, haben wir nicht erwartet“, unterstreicht der Mitinitiator der Biodiversitätsstudie.

Im Rahmen des breit angelegten Projekts hat ein internationales Forscherteam zwischen 2008 und 2017 auf 300 Flächen in Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg über eine Million Insekten gesammelt. Das Ergebnis: Auf vielen Flächen tummeln sich heute etwa ein Drittel weniger Insektenarten als noch vor zehn Jahren. Einige seltenere wurden in den letzten Jahren in manchen Regionen gar nicht mehr gefunden.

Zu den Verlierern zählt auch die Kleine Goldschrecke.
Zu den Verlierern zählt auch die Kleine Goldschrecke.

Vorarlberg ist keine Ausnahme

Die Ergebnisse der Untersuchung, bei der fast 2700 Arten erfasst wurden, seien auch für Vorarlberg gültig, sagt Jan Christian Habel, der seitens der Universität Salzburg an dem Projekt beteiligt war. „Leider, diese negativen Trends haben wir inzwischen in den meisten Regionen in Mitteleuropa. Überall, wo wir eine relativ intensive Landbewirtschaftung haben, sind in den letzten zehn bis 20 Jahren zirka 50 Prozent der Vorkommen verschwunden. Die meisten Arten existieren noch irgendwo, jedoch meist in kleinen, isolierten Restpopulationen. Daher ist es letztendlich eine Frage der Zeit, bis diese Vorkommen verschwunden sind“, verdeutlicht der Umweltwissenschaftler.

Vom Artenschwund betroffen sind laut der Studie alle untersuchten Wald- und Wiesenflächen: Schafweiden, Wiesen, die drei bis viermal jährlich gemäht und gedüngt werden, forstwirtschaftlich geprägte Nadelwälder, ungenutzte Wälder in Schutzgebieten. In den Wäldern ging die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller Insekten, demnach um etwa 40 Prozent zurück, im Grünland um 75 Prozent. Es seien zwar auch neue Arten entdeckt worden. „Arten aus dem Mittelmeerraum, die zur Zeit einwandern und sich hier niederlassen“, ergänzt Habel, schiebt allerdings sofort zwei große „aber“ hinterher. Zum einen gäbe es auch zahlreiche Arten, die durch den Klimawandel verschwinden. „In Österreich zum Beispiel Arten der höheren Lagen.“ Zum anderen sei das Insektensterben kein Resultat des Klimawandels, „sondern der intensiven Landwirtschaft“, betont der Umweltwissenschaftler.

 Hat es sich für den Zipfelfalter bald ausgeflattert?
Hat es sich für den Zipfelfalter bald ausgeflattert?

Mehr als Einzelinitiativen

Für die Forscher steht fest: Einzelinitiativen haben wenig Aussicht auf Erfolg. Um den Rückgang aufzuhalten, benötige es eine stärkere Abstimmung und Koordination auf regionaler und nationaler Ebene. „Natur und Artenschutz muss in der Fläche stattfinden. Kleine, isolierte Naturschutzgebiete nutzen auf die lange Sicht wenig, wir können schließlich auch nicht mit ein paar kleinen Schutzgebieten die fehlenden 50 Prozent Biomasse erhalten“, erläutert der Professor an der Uni Salzburg im VN-Interview. Sein Appell: Die Landwirtschaft müsse ökologischer gestaltet werden. „Weniger Mähen, weniger Spritzen und vor allem weniger Stickstoff. Eigentlich müsste sich unser Lebensstil ändern, zumindest unser Fleischkonsum sollte deutlich reduziert und der Export von Billigfleisch eingestellt werden, denn dies zerstört unsere Lebensräume und Landschaften“, wird Habel deutlich.

 Der Blauäugige Waldportier bereitet den Forschern ebenfalls Sorgen.
Der Blauäugige Waldportier bereitet den Forschern ebenfalls Sorgen.

Düsteres Bild

Was passiert, wenn dem Insektensterben nicht entgegengesteuert wird? Der Umweltwissenschaftler zeichnet ein düsteres Bild: Nahrungsnetze brechen zusammen. „Das findet aktuell bereits statt, zum Beispiel gehen Vogelarten deutlich zurück, die auf Insekten als Nahrung angewiesen sind.“ Ökosystemdienstleistungen, wie die Bestäubung von Feldfrüchten durch Bienen, leiden stark. Die natürliche Schädlingsbekämpfung wird reduziert. „Insekten sind ja nicht nur für die Feldfrüchte Schädlinge, es gibt auch viele Gegenspieler, die eine Schädlingsbekämpfung darstellen“, gibt Habel zu bedenken.

 Zu den wenigen Arten, die bisher kaum zurückgegangen sind, zählt demnach die Beerenwanze.
Zu den wenigen Arten, die bisher kaum zurückgegangen sind, zählt demnach die Beerenwanze.

Auch der Wald betroffen

Dass es auf den Wiesen weniger zirpt, summt, kreucht und fleucht als noch vor 25 Jahren, sei grundsätzlich nichts Neues. Bisherige Studien hätten sich aber entweder ausschließlich auf die Biomasse oder auf einzelne Arten oder Artengruppen konzentriert, unterstreichen die Forscher. Erst durch die aktuelle Untersuchung sei klar geworden, dass zum einen tatsächlich ein Großteil aller Insektengruppen betroffen ist und zum anderen auch der Wald vom Insektenrückgang berührt ist.