Neues Bündnis mit der Natur

Vorarlberg / 14.11.2019 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Dr. Markus Schlagnitweit: Solidarität ist ein Grundprinzip des menschlichen Lebens. Das wird oft vergessen. TM

Der päpstliche Text „Laudato si“ entwickelt ein Modell von Nachhaltigkeit.

Bregenz Schon der Name schreckt ab: Enzyklika. Erst recht der Titel … immer in Latein! Aber der argentinische Papst ließ im Sommer 2015 keine salbungsvollen Worte erwarten. Die stehen in seinem Text „Laudato si“ auch nicht drin. Sein zweites Lehrschreiben hat 220 Seiten. Es trägt den Untertitel „Über die Sorge für das gemeinsame Haus.“ Dabei ist ,Laudato si‘ „keine bloße Umwelt-Enzyklika“. Als solche wurde sie schubladisiert. Aber das wird ihr nicht gerecht, betont Dr. Markus Schlagnitweit. Für die Ökumenischen Gespräche Bregenz hat der Linzer Sozialwissenschaftler und Theologe den Text analysiert und fand „ein neues, ganzheitliches Modell von Nachhaltigkeit.“ Es will nicht weniger als Schöpfung, menschliche und wirtschaftliche Bedürfnisse in Einklang bringen.

Schlagnitweit liest den Text in einem Dreischritt: Sehen – Urteilen –Handeln. Zuerst der Befund: Die Welt leidet. Arten sterben, Wasser wird knapp, Müll nimmt überhand. Die „Wegwerfkultur“ ist kein abstrakter Begriff. Ein Spaziergang in einem beliebigen Waldstück beweist das auch hierzulande. Auch Menschen darben: Die Gaben sind ungleich verteilt. Arbeit wird knapp. Wirtschaft und Technik geben den Ton an. Die Solidarität schwindet. „Laudato si“ benennt den Zusammenhang: „Die menschliche Umwelt und die natürliche Umwelt verschlechtern sich gemeinsam.“ Sie können nur gemeinsam gestaltet werden.

Schuld des Nordens

Der Papst nimmt den Norden in die Pflicht. Denn „…auf verschiedene Weise versorgen die weniger entwickelten Völker … weiter die Entwicklung der reichsten Länder auf Kosten ihrer eigenen Gegenwart und Zukunft.“ Dabei wäre der Erdboden der Armen im Süden oft fruchtbar. Aber er gehört ihnen nicht. Der Papst beschreibt ein „strukturell perverses System von kommerziellen Beziehungen und Eigentumsverhältnissen“.

Was ist zu tun? Dass alle Geschöpfe durch ihren Ursprung in Gott miteinander verbunden sind, zählt zu den Grundprinzipien der katholischen Soziallehre. Das hat Konsequenzen: Die Option für die Armen muss Vorrang haben. Die so oft geforderte Solidarität ist in Wahrheit „ein Seinsprinzip“. Eigentum ist sozialpflichtig. Das heißt? Der Gebrauch des Eigentums darf dem Gemeinwohl nicht zuwiderlaufen. Also: Du sollst nicht Bauland horten zuungunsten Deines Nächsten, zum Beispiel…

Macht ohne Verantwortung

Ein besonderes Augenmerk legt Schlagnitweit auf ein tragisches Missverhältnis: „Es ist nicht jede Zunahme an Macht einfach Fortschritt.“ Der moderne Mensch ist zwar technisch und wirtschaftlich schlagkräftiger denn je, „aber er wurde nicht zum richtigen Gebrauch der Macht erzogen“. Das enorme technologische Wachstum „ging nicht mit einer Entwicklung des Menschen in Verantwortlichkeit, Werten und Gewissen einher“. In seinem Machbarkeitswahn beherrscht der Mensch die Schöpfung total. Er ist fast außerstande, seine Mittel dosiert oder vielleicht auch einmal gar nicht einzusetzen. Das hat den Menschen der Schöpfung entfremdet. „Sein Irrglaube an unbegrenztes Wachstum führt zur hemmungslosen Ausbeutung des Planeten.“ Deshalb wird es keine neue Beziehung zur Natur geben können ohne einen neuen Menschen.

Und wie sieht er aus, dieser neue Mensch? Er begreift seine kulturelle Diversität als enormes Potenzial. Aus lokalem Erfahrungswissen erwachsen Lösungen. Der neue Mensch lebt den Dialog, über Grenzen hinweg und vor allem rechtzeitig. Es gilt, „Projekte nicht im Nachhinein auf ihre Umwelt- und Sozialverträglichkeit prüfen, sondern von Anfang an mitzudenken“. Der neue Mensch konsumiert verantwortungsbewusst, denn Kaufen „ist immer auch eine moralische Handlung“. So erstünde ein neues Bündnis zwischen Mensch und Umwelt, das es dem Menschen erlaubt, längst Vergessenes wieder nachzuholen: Das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, zum Beispiel.