Ewig grüßt der Postenschacher

Vorarlberg / 15.11.2019 • 18:51 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Derzeit finden quer durch die Republik Hausdurchsuchungen statt, die man bei früheren Strafverfahren nicht für möglich gehalten hätte. Wegen der Bestellung von FPÖ-Bezirksrat Peter Sidlo zum Vorstandsdirektor der Casinos Austria sind bei der Justiz die Alarmglocken angegangen. Man kann für ein dermaßen geschärftes Problembewusstsein nur dankbar sein. Der gelernte Österreicher vermutet aber zu Recht, dass es sich bei solchen Bestellungen um keine Einzelfälle handelt. Und tatsächlich bot schon die Erste Republik einen Skandal, der in den Grundzügen gewisse Ähnlichkeiten aufweist.

Die Christlichsozialen wollten 1930 Franz Strafella zum Generaldirektor der ÖBB machen. Rote und Schwarze warfen sich damals vor, über die Bundesbahnen illegale Parteienfinanzierung zu betreiben. Strafella war zwar Christlichsozialer aber ansonsten für die Position mindergeeignet. Er genoss aber die Unterstützung des rechten Parteiflügels unter Anton Rintelen, der später erfolglos gegen die Republik putschte.

Der ebenfalls frisch ernannte ÖBB-Verwaltungsratspräsident Bruno Banhans, eine Art Aufsichtsratsvorsitzender, sah sich aber nicht im Stande, die Personalie Strafella durchzudrücken. Die übrigen ÖBB-Manager weigerten sich schlichtweg, mit dem potenziellen neuen Generaldirektor zusammenzuarbeiten. Die sozialdemokratische Opposition wurde auf die Sache aufmerksam, die Arbeiterzeitung wetterte gegen Strafella und dieser klagte. Für die Regierung wurde es zunehmend unangenehm.

Während Vizekanzler Carl Vaugoin Franz Strafella weiterhin die Mauer machte, wollten ihn andere, unter ihnen Bundeskanzler Johann Schober, lieber loswerden. Die Geschichte entwickelte sich zur Regierungskrise, führte zum Rücktritt des Kabinetts und sogar zur Auflösung des Nationalrates durch den Bundespräsidenten. Strafella wurde trotzdem noch vor der Wahl von der Übergangsregierung unter Vaugoin zum ÖBB-Chef ernannt. Das „Vorarlberger Volksblatt“ beklagte, dass alle anderen Parteien den dadurch notwendig gewordenen Urnengang als „Strafella-Wahlen“ hinstellen wollten. Vielmehr habe es der überparteiliche ÖBB-Präsident Banhans verabsäumt, mit der „beispiellosen Korruption bei den Bundesbahnen aufzuräumen“. Die Christlichsozialen verloren die Wahl und radikalisierten sich zunehmend. Strafella musste auf Druck der Koalitionspartner seinen Posten bereits nach einem Jahr räumen. An Bahnhans Stelle wurde Engelbert Dollfuß zum Verwaltungsratspräsidenten der ÖBB ernannt. Dieser säuberte die Bundesbahnen von den Roten und begann damit seinen politischen Aufstieg bei den Schwarzen. Der Rest ist Geschichte.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at