Schneckenlochhöhle: Tore zu Vorarlbergs Unterwelt

Vorarlberg / 16.11.2019 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Durch den Reiz des Unbekannten und Dunklen üben Höhlen Faszination aus. Lutz Schmelzinger führt in die Welt unter Tage. Fotos: VN/Steurer

Im Inneren unserer Berge liegen geheimnisvolle Welten verborgen. Unterwegs im Schneckenloch, einee der größten Höhlen Vorarlbergs.

Egg, Bizau Direkt unter unseren Füßen gibt es sie noch: unerforschte Gebiete, in die sich nur selten ein Mensch hineinwagt. Ihre Dunkelheit und Stille, die oft schwierige Zugänglichkeit, verzweigte Systeme, die tatsächlichen oder vermeintlichen Spuren von lichtscheuen Lebewesen sowie zahlreiche Märchen und Sagen haben Höhlen immer schon etwas Geheimnisvolles verliehen.

Auch Vorarlberg hat eine Vielzahl an Höhlen zu bieten, eine der längsten ist die Schneckenlochhöhle im Bregenzerwald. Die insgesamt etwa 3,5 Kilometer lange Höhle befindet sich im Nordhang des Sevischrofens im Gemeindegebiet Egg, am westlichen Rand des Gottesackergebiets im Kleinwalsertal.

Lutz Schmelzinger ist seit 20 Jahren Outdoor-Führer und betreibt das Aktivzentrum Bregenzerwald. Bis zu 20 Mal im Jahr kommt er in die Karsthöhle: „Solche Höhlen entstehen durch die korrosive Wirkung von Regenwasser“, weiß Schmelzinger. Wie bei unzähligen anderen Orten in Vorarlberg gibt es zur Entstehung des Karstgebiets beim Ifenstock eine Sage. So sei das zerklüftete Gottesacker-Plateau an der nordwestlichen Grenze des Kleinwalsertals vor langer Zeit eine üppige, grasreiche Alpe gewesen. Als ein alter Bettler um ein wenig Schmalz bat, gaben ihm die geizigen Sennen stattdessen getarnten Mist. Zur Strafe verschwand die Alpe der Sage nach mitsamt allem Vieh. Zurück blieb die karge Karstgegend, in der auch das Schneckenloch liegt.

Kleine Sensation

Schon der Aufstieg zum Naturdenkmal Schneckenloch von der Vorsäßsiedlung Schönenbach aus ist ein Abenteuer. Durch den im Herbst orange gefärbten Wald führt ein Pfad über Stock und Stein, zwei Bergbäche samt Wasserfall müssen überquert werden. Von hier aus sind die Felslabyrinthe der Gottesackerwände, Diedamskopf, Hoher Ifen und Winterstaude zu sehen.

Aus dem imposanten, 40 Meter breiten und zehn Meter hohen Höhlentor weht kühle Luft heraus. „Als ob hier die Erde atmen würde“, findet der 55-jährige Höhlenführer eine treffende Metapher. „Die Temperatur in der Höhle beträgt das ganze Jahr über konstant sieben Grad Celsius. Außerdem hat die Luft einen hohen Feuchtigkeitsanteil und nur wenige Staubteilchen und ist daher nahezu keimfrei.“

Vor dem Einstieg in die Höhle, die auf 1250 Metern Höhe liegt, scheppert Lutz Schmelzinger mit einem Stein, so dass es in die Tiefe hallt: „Man muss anklopfen, um die Höhlengeister zu wecken“, sagt er mit einem Schmunzeln. Das Vordringen ins Berginnere über Stein und Geröll erfordert Geschick und Konzentration. Der Eingang erscheint mit jedem Schritt kleiner, ehe er komplett verschwindet.

Reise in die Vergangenheit

Die Höhlenexpedition ist gewissermaßen auch eine Reise in die Vergangenheit: „Eine Kalksteinschicht mit zwanzig Zentimetern Breite entsteht in einem Zeitraum von etwa 30.000 Jahren.“ Die Felswand, die sich vor ihm befindet, steht für einige Hunderttausende Jahre.

400 Meter im Berginneren hat die Höhle eine Ausdehnung von etwa 30 Metern, hier teilt sich die Höhle. Lutz Schmelzinger wählt einen Weg Richtung Osten. Der 55-Jährige leuchtet Wände aus, einen kleinen schwarzen Fleck, der sich als Fledermaus entpuppt, leuchtet er an. In den Tümpeln sind winzige Höhlenkrebse.

Ansonsten ist die Flora in der Unterwelt sehr karg, lediglich einige Flechten schimmern hier und da im Licht. „Früher war hier alles voll mit Tropfsteinen, Stalaktiten und Stalagmiten. Sie wurden leider alle entwendet“, bedauert er. Vorbei an außergewöhnlichen Felsformationen und Geröll nähert sich der Höhlenführer einem schmalen Spalt, aus dem kühle Luft dringt. Der Schnepfauer zwängt sich durch den engen Durchschlupf.

Belohnt wird er 700 Meter im Berginneren mit einem imposanten Naturschauspiel: eine Grotte mit silbern glänzenden Wänden, von der Decke rauscht ein Wasserstrahl auf den Grund hinab. „Keimfreies Wasser“, merkt der Wälder an, ehe er einen Schluck nimmt. Auf dem Weg zurück an die Erdoberfläche schaltet Schmelzinger für einen Moment alle Lampen aus. Nun ist es stockdunkel, in der Stille ist nur ein Pochen, der eigene Herzschlag, zu hören.

„Unterirdisches Zauberschloss“

Woher der Name der Schneckenlochhöhle stammt, ist nicht überliefert, sie soll vor gut 400 Jahren entdeckt worden sein. Im Sommer 1906 wagten sich die ersten Höhlenforscher in die Tiefen des verzweigten Höhlensystems. Damals war das eine kleine Sensation, sogar die Wiener Tageszeitung berichtete davon. Im Vorarlberger Volksblatt vom 20. September 1906 kommen die Pioniere aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: „Möge recht bald ordnende, bauende Menschenhand dieses unterirdische Zauberschloss mit seiner wundervollen Schönheit allgemeinem Besuche erschließen“, heißt es am Ende des Artikels.

Vorarlberger Volksblatt vom 20. September 1906: „Wahrlich eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges, eine wundervolle Zier unserer heimischen Alpenwelt. Mögen viele, viele hineinpilgern und schauen und sehen“, heißt es in dem Bericht der Höhlenpioniere.

Lesen Sie kommendes Wochenende im vierten Teil der Serie „Geheimnisvolles Vorarlberg“: Auf den Spuren der Freimaurer.