LR Tittler im Interview: „Wollen kein Entweder-oder“

Vorarlberg / 16.11.2019 • 06:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Landesrat Marco Tittler ist im Interview mit Hanna Reiner und Michael Prock bei der S 18 überzeugt: „Eigentlich waren wir noch nie so weit wie jetzt.“ VN/PAULITSCH

Landesrat Tittler sieht die Raumplanung als Teil eines Standortressorts richtig aufgehoben.

Bregenz Marco Tittler (43, ÖVP) wurde vor einer Woche als Wirtschaftslandesrat angelobt. Im Interview spricht er über den Rollenwechsel, den Dialog zwischen Wirtschaft und Umwelt und wie man dem Fachkräftemangel politisch begegnen kann.

Herr Tittler, wie stark hat sich Ihr Leben in der letzten Woche verändert?

Eine Woche ist noch zu früh, um das einzuschätzen. Aber die Taktung ist eine ganz andere. Es sind extrem viele Termine und dazwischen ist sehr viel zu bearbeiten. Der Tag ist durchgeplant.

Hatten Sie mit Karlheinz Rüdisser berufliche Berührungspunkte? Was haben Sie von ihm gelernt? Wie unterscheiden Sie sich?

Ich habe viel von ihm gelernt. Vor allem, wie man Themen inhaltlich aufbereitet und in der Tiefe anschaut, damit man am Schluss die richtigen Entscheidungen trifft. Was uns unterscheidet, ist, dass er zuvor in der Verwaltung tätig und somit in vielen Themen tiefer verankert war.

Vor der Angelobung gab es Diskussionen, die Raumplanung vom Wirtschaftsressort zu entkoppeln.

In der Außendarstellung hat man oft den Fehler gemacht, zu sagen, hier ist Wirtschaft und da ist Raumplanung. Wenn man das Ressort in Summe anschaut, ist es eigentlich ein Standortressort. Darin Raumplanung, Verkehr, Straßenbau, Hochbau, Wirtschaft und Digitalisierung zu bündeln, macht Sinn.

Ist der Strategiedialog ein Kompromiss?

Er ist ein Zeichen dafür, dass wir kein Entweder-oder wollen sondern eine Möglichkeit, mit unterschiedlichen Interessengruppierungen ins Gespräch zu kommen. Das entspricht dem Zeitgeist und hilft dabei, Themen so umzusetzen, dass sie Akzeptanz finden.

Wie beurteilen Sie das negative Abstimmungsergebnis für die Rauch-Erweiterung in Ludesch?

Einzelfälle sind extrem schwer zu beurteilen, weil hier viele Dinge hineinspielen. Vorarlberg hat in den letzten Jahren wirtschaftlich eine sehr gute Entwicklung hinter sich. Wir wissen am Beispiel Rauch, dass die Thematik in anderen Bundesländern nicht so diskutiert wird. Es gab viele Angebote zur Ansiedlung. Ich weiß natürlich, dass die Verhältnisse bei uns etwas beengter sind, aber ich weiß auch, dass man in Großbritannien die Diskussion nicht hätte.

Das Thema Grünzone wird uns noch länger beschäftigen.

Die Landesregierung hat immer gesagt, die Grünzone ist zu schützen. Wir nehmen das Bekenntnis ernst, aber unter bestimmten Ausnahmen kann man einer Herausnahme zustimmen.

Ist Vorarlberg für eine mögliche Konjunkturdelle gerüstet?

Die Frage ist, woher ein Einbruch kommt. Nach der letzten Krise hat sich die Wirtschaft diversifizierter aufgestellt und ist in mehr Exportmärkte gegangen. Das ist sicher hilfreich, auch wenn wir aufgrund der Verflechtung stark von der Konjunktur abhängig sind.

Wie kann man dem Fachkräftemangel politisch begegnen?

Die Politik kann die betriebliche Aus- und Weiterbildung unterstützen und es gibt das Potenzial, Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren. Wenn wir uns als chancenreichster Lebensraum für Kinder positionieren, sollten wir jene Fachkräfte adressieren, die genau das suchen. Es wird also nicht reichen, nur auf Absolventenmessen den Wirtschaftsstandort Vorarlberg zu bewerben.

Wie hoch sind die Chancen, dass Sie als Landesrat bei S 18 oder Stadttunnel Spatenstich feiern?

Eigentlich waren wir noch nie so weit wie jetzt. Mein Wunsch wäre, dass die Profis ihre Analysearbeit weitermachen und es zu einer Trassenentscheidung kommt.

Viele sehen zwischen dem Ausbau des Straßennetzes und den Zielen der Energieautonomie eine große Diskrepanz. Sind neue Straßen der richtige Schritt?

Leider ist das zu eng strukturiert gedacht. Gerade im Hinblick auf Klima und Energie muss der Verkehrsfluss das vorrangige Ziel sein. Wir brauchen ein leistungsfähiges, hochrangiges Straßennetz, weil wir gerade an den neuralgischen Punkten die Umweltbelastung haben. Letztlich braucht auch die E-Mobilität eine leistungsfähige Infrastruktur.

Bregenz freut sich über die Vignettenbefreiung, Hohenems ärgert sich. Wo stehen Sie?

Ich habe Verständnis für beide Seiten. Man muss es nun entsprechend begleiten und evaluieren. Die Korridorvignette hat Bregenz entlastet und es ist in anderen Gemeinden nicht zu den befürchteten Belastungen gekommen. VN-REH, MIP