Herbert und die Drogen: „Ich bin ein Überlebender“

Vorarlberg / 17.11.2019 • 12:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Drogen bestimmten über lange Zeit das Leben von Herbert. VN/kum

Herbert (59) ist seit seiner Jugend suchtkrank. Er meistert sein Leben mit professioneller Begleitung.

Hohenems Seine Mutter hatte eine böse Vorahnung. „Die Schweiz wird dein Untergang“, prophezeite sie ihrem Sohn Herbert. Mit 20 Jahren wechselte der ausgebildete Bürokaufmann die Arbeitsstelle. „Ich begann in der Schweiz zu arbeiten, am Bau.“ Seine neuen Freunde nahmen mit der größten Selbstverständlichkeit Drogen. „Mir kam es so vor, als ob die ganze Schweiz kifft.“ Herbert (heute 59) war jung. Und neugierig. Es kam wie es kommen musste. Der Vorarlberger probierte das Zeug. „Drogen waren totales Neuland für mich.“

„Mir konnte keine Frau die Wärme geben, die mir das Heroin gab.“

Herbert, Suchtkranker

Es ging nicht lange, und er war von härteren Drogen abhängig. „Ich habe Kokain und Heroin genommen.“ Dank dem Gift fühlte er sich für ein paar Stunden happy. „Mir konnte keine Frau die Wärme geben, die mir das Heroin gab.“ Aber mit den Drogen kamen die Probleme. „Du wirst total unzuverlässig. Du machst oft blau. Dir ist alles egal. Du bist so süchtig, dass du nur noch an die Drogen und ans Geld denkst, ans Geld für den nächsten Schuss.“

Knapp zehn Jahre lebte Herbert in der Schweiz, die er in Sachen Drogen als paradiesisch empfand. 1993 kehrte er in seine Heimat zurück. Der suchtkranke Mann fand im damaligen „Haus der jungen Arbeiter“ eine Bleibe – in einem Dreibettzimmer. „Ich wollte drei Monate bleiben. Es wurden sechs Jahre.“ Kaplan Bonetti, der damalige Leiter der Obdachlosen-Einrichtung, brachte ihn in einem Arbeitsprojekt unter. „Er sagte zu mir: „Wenn du Geld willst, musst du arbeiten.“

Arbeit hat Herbert zeitlebens nicht gescheut. Faulenzen – das war für ihn immer ein Schreckgespenst. Ihm war wichtig, eine Tagesstruktur zu haben. Heute ist der 59-Jährige stolz darauf, dass er 38 Arbeitsjahre zusammengebracht hat. „Ich kenne niemanden, der im Drogenmilieu war und das geschafft hat.“ Kaplan Bonetti fing ihn immer wieder auf, wenn er sich Jobs wegen dem Gift versaute beziehungsweise er wegen dauernder Krankheit und vieler Fehltage in der Firma nicht mehr tragbar war. Dass er – mit Unterbrechungen – zwölf Jahre in den Arbeitsprojekten arbeiten durfte, sieht er nicht als selbstverständlich an.

Menschen starben vor seinen Augen

Überhaupt verdankt er den Kaplan-Bonetti-Einrichtungen viel. Als er wegen seiner Spielsucht auf einem Schuldenberg saß, unterstützten ihn die Berater, auch während des Privatkonkurses.  “Sie haben dafür gesorgt, dass die Miete immer bezahlt wurde und haben für mich das Geld verwaltet. Das war ein Glück, so jemanden an meiner Seite zu wissen.” Manchmal hatte der suchtkranke Mann schon am Monatsanfang kein Geld mehr, weil er alles verspielt hatte. “Ich wusste dann nicht, wovon ich mich ernähren sollte. In solchen Momenten war ich froh, dass jemand von der Beratungsstelle neben mir stand.”

Inzwischen ist Herbert, der mehrere Zehntausende Euro verspielte und heute statt Heroin das Substitutionsmittel Morphium konsumiert, in Pension. Jetzt hat er Zeit, um sein Leben zu rekapitulieren: “Ich sah viel Leid und Elend und Menschen, die vor meinen Augen starben.” Er ist sich bewusst, dass er ein Überlebender ist. Obwohl seine Süchte ihm das Leben erschwerten und seine Gesundheit beeinträchtigten, bereut er nur eines: “Ich habe keine Familie. Mein Bruder hat es besser gemacht. Er gründete eine Familie. Und ich nahm Gift.”

Der Sandler ist nicht der typische Klient

„Jeder siebte Mensch kommt im Laufe seines Lebens einmal in die Situation, seine Wohnung zu verlieren oder delogiert zu werden oder keine Wohnung zu haben.“ Das prangt im Gang der Kaplan-Bonetti-Beratungsstelle in Dornbirn an der Wand. Die Beratungsstelle wurde vor zehn Jahren eröffnet. Dort wird Menschen geholfen, die auf Wohnungssuche sind oder Gefahr laufen, ihre Wohnung zu verlieren. „Wir machen viel Präventionsarbeit. Wir versuchen Menschen zu erreichen, noch bevor sie die Wohnung verlieren“, informiert Michael Hämmerle. Er leitet die Beratungsstelle seit vier Jahren. Die Berater haben bei ihrer Arbeit viel Erfolg. „Wir haben eine Erfolgsquote von 90 Prozent. Erfolg heißt für uns: Entweder ist die Wohnung für den Klienten gesichert oder wir finden nach der Delogierung eine kostengünstige Wohnung für ihn.“ Der typische Klient ist nicht der Sandler. “Davon haben wir nur eine Handvoll.” Vielmehr sind es Alleinerzieherinnen, kinderreiche Familien, Mindestrentnerinnen, Menschen mit einem geringen Verdienst oder Flüchtlinge, die Hämmerle und seine Mitarbeiter begleiten und betreuen. “Man kann im Leben schnell unter Druck geraten. Eine Krankheit, eine Trennung, ein Arbeitsplatzverlust. Und schon ist alles anders.” Dass die Einrichtung notwendig und wichtig ist, belegen auch die Zahlen. “Wir haben jedes Jahr mehr Klienten. Im Vorjahr haben wir 1400 Haushalte beraten und betreut, so viele wie noch nie.” Ambulante statt stationäre Unterstützung. Mit diesem Grundsatz ging man vor zehn Jahren an die Arbeit. Das Konzept ist aufgegangen. “Im Jahr 2007 lebten noch 180 Menschen im Kaplan-Bonetti-Haus. Heute sind es nur mehr 90 Personen”, zeigt Hämmerle auf, dass die Arbeit der Beratungsstelle nicht ohne Wirkung blieb.             

Michael Hämmerle leitet die Kaplan-Bonetti-Beratungsstelle seit 2015.
Michael Hämmerle leitet die Kaplan-Bonetti-Beratungsstelle seit 2015.

Buchtipp: Jedes Leben, erhältlich um 13 Euro in der Kaplan-Bonetti-Beratungsstelle in Dornbirn, Klaudiastraße 6.