Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Dass das heute noch möglich ist

Vorarlberg / 18.11.2019 • 19:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Gerade lief auf FM4 Anne Clarks Greta-Thunberg-Track, ihre berühmte Rede, eingebaut in einen treibenden Tanzbeat: es ist so eindringlich, dass es mich immer wieder durch Schauer jagt. Obwohl ich es jetzt schon so oft gehört habe: „How dare you“ – Wie könnt ihr es nur wagen!

Doch während auf der einen Seite Millionen junge und ältere Menschen auf die Straße gehen mit der Forderung, dass endlich konkret gehandelt wird, damit die Welt nicht untergeht und diese jungen Menschen eine Zukunft haben, machen die anderen so weiter, als wäre gar nichts geschehen. Als wären Umwelt und Natur ausschließlich dazu geschaffen worden, um vom Menschen benutzt, ausgebeutet und nach seinem Gutdünken verändert, verbaut oder weggesprengt zu werden.

Wer im Vorarlberger Unterland lebt, kennt die Schneise im Kummenberg, von dem man in den Neunzehnsechziger oder -siebziger Jahren einfach einen großen Teil herausgesprengt hat, um Platz für eine Autobahn zu machen. Vor ein paar Monaten meinte einer aus unserer Jassrunde: Das wäre heutezutage wahrscheinlich nicht mehr möglich, so ein rücksichtsloser, brutaler Eingriff in die Natur. Vor ein paar Tagen ging die Meldung durch die Medien, dass in Tirol ein Berggipfel weggesprengt werden soll, um die Zusammenlegung zweier Schigebiete zu ermöglichen. Die Reaktion: scharfe Proteste, das darf doch wohl nicht wahr sein. Ich las dann von Betreiberseite, die Aufregung sei gänzlich übertrieben, es sei quasi nur ein minderwichtiger Gipfel, der da gesprengt werden solle, nicht der Hauptgipfel. Tatsache ist – die Zahlen stammen vom Alpenverein, der gegen die Verbauung mobil macht – dass 35.000 m3 Beton verbaut, 775.000 m3 Gestein, Erde und Eis gesprengt, 72 Hektar Gletscher und ein Berggrat um 36 Höhenmeter geschleift werden sollen. Ich staune ungläubig, dass so was heute doch noch möglich ist.

Und es ist nicht nur in den Bergen so. Ich habe ein kleines Sommerhaus in der Gegend des Kamp, ein wunderschöner Naturfluss, der durch „Natura2000“-geschützte Auen fließt, in denen Wildvögel brüten. Es gibt dort bei der Rosenburg ein kleines, altes Kraftwerk, und das soll nun ausgebaut werden: Dafür sollen insgesamt fünf Hektar Wald, auch geschützter, in Ufernähe gerodet und der Fluss ausgebaggert werden. Für die Lkw und Bagger soll eine breitere Straße gebaut, der Steg, der dort über den Kamp führt, soll durch eine baumaschinentaugliche Straßenbrücke ersetzt werden. All das für eine vergleichsweise geringe Stromausbeute. Man würde meinen, das alles sei heutzutage nicht mehr denkbar, aber leider: Sowohl um den Tiroler Berggipfel als auch um die geschützte Waldviertler Flusslandschaft muss man kämpfen. How dare you.

„Sowohl um den Tiroler Berggipfel als auch um die geschützte Waldviertler Flusslandschaft muss man kämpfen. How dare you.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.