Das Kreuzfahrtschiff legte ohne ihn ab

Vorarlberg / 19.11.2019 • 12:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Zvezdan Markovic fühlt sich in Vorarlberg und in Serbien gleichermaßen zu Hause. HRJ

Zvezdan „Marko“ Markovic fühlt sich sowohl hier als auch dort daheim.

Heidi Rinke-Jarosch

NENZING Manchmal fragt er sich, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, hätte ihn das Schicksal nicht hierher verpflanzt. Zvezdan Markovic hatte jedenfalls keine Wahl gehabt, denn bei seiner Ankunft in Vorarlberg war er noch ein Baby.

Als er am 30. Juni 1972 in Prokuplje zur Welt kam, war diese südserbische Kleinstadt mit rund 28.000 Einwohnern noch Teil der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, die vom mächtigen Staatschef Josip Broz Tito regiert wurde. Zvezdan war ein halbes Jahr alt, als er von seiner Mutter nach Vorarlberg gebracht wurde. Die Eltern waren bereits in den 1960er-Jahren ins Land gekommen, weil dazumal Gastarbeiter aus Jugoslawien dringend gebraucht wurden.

Deutsch statt Serbisch

Zvezdan Markovic, der hier von vielen Marko genannt wird (den ersten Teil seines Familiennamens merkt man sich halt leichter als den slawischen Vornamen), wuchs in Nenzing mit einem jüngeren Bruder und einer noch jüngeren Schwester auf. „Ich wurde streng erzogen“, erinnert sich Zvezdan. Die Eltern hätten vor allem Wert auf gutes Benehmen und Verlässlichkeit gelegt. „Wenn zum Beispiel mein Vater sagte, ich muss um 22 Uhr zu Hause sein, durfte ich keine Minute später kommen. War ich zu spät, gab es zur Strafe Ausgangsverbot.“ Natürlich ist das hin und wieder vorgekommen. Im Rückblick auf seine jugendlichen Missetaten lacht Zvezdan. Gleichzeitig stellt er klar: „Meine Eltern haben mir viel fürs Leben mitgegeben.“

In der Nenzinger Volksschule war Zvezdan Markovic der einzige Serbe. Es gab keine Schulkameraden, mit denen er Serbisch reden konnte. Und zu Hause wurde vornehmlich Deutsch gesprochen. „So bin ich mit der deutschen Sprache und dem Vorarlberger Dialekt groß geworden.“

Seine berufliche Laufbahn sollte 1993 als Barkeeper auf einem Kreuzfahrtschiff beginnen. Die Ausbildung dafür hat er in der Schweiz absolviert. Das Schiff legte jedoch ohne ihn ab. Denn gleichzeitig mit der Jobzusage flatterte die Einberufung der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) für den Militärdienst ins Haus. Da Zvezdan Markovic damals jugoslawischer Staatsbürger war – Österreicher ist er seit 16 Jahren – musste er den Dienst an der Waffe in seinem Herkunftsland antreten.

Mittlerweile war der Balkankrieg ausgebrochen und Jugoslawien in Einzelteile zerfallen. Restjugoslawien bestand nur noch aus Serbien und Montenegro. Zum Zeitpunkt, als Zvezdan Markovic in die Militärbasis in Leskovac – rund 50 Kilometer von Prokuplje entfernt – einrückte, hatte sich der Konflikt auf Bosnien-Herzegowina verlagert. In Serbien war es relativ ruhig. So hatte der junge Rekrut Glück: Er wurde nicht in das Kriegsgeschehen einbezogen. Überdies hat er seinen Militärdienst als Koch versehen und war somit für die Ernährung der in Leskovac stationierten Armeeeinheiten zuständig.

Dass der Balkankrieg die Menschen auseinandergebracht hat, bedauert Zvezdan. „Früher waren wir Jugoslawen – dort und auch hier in Vorarlberg. Doch als der Krieg begann, wurden wir in Serben, Kroaten und Bosniaken eingeteilt.“ Und vieles andere ist anders geworden, aber nicht besser.

In Prokuplje, wo er als Schüler alle Ferien verbracht hatte und heute mindestens einmal im Jahr Urlaub macht, habe sich indes nichts verändert. „So wird es wohl bleiben“, meint er.

„Ich fühle mich reich, mit zwei Kulturen aufgewachsen zu sein.“

Zvezdan Markovic

Aus Prokuplje stammt auch seine Frau Daliborka. Mit ihr ist er sein 15 Jahren verheiratet, mit ihr hat er zwei Töchter im Alter von zehn und 14 Jahren. Zvezdan hat zudem einen Sohn aus einer früheren Beziehung.

Sein Vorhaben, als Barkeeper auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten, hat Zvezdan Markovic auch nach dem Militärdienst nicht mehr realisiert. Er bekam einen Job im Nenzinger Unternehmen Hydro Alu. Dort ist er nun seit fast drei Jahrzehnten als Schichtführer beschäftigt.

Einen Großteil seiner Freizeit widmet Zvezdan dem Filmen. Er hat schon einige Projekte mit dem Filmproduzenten Niko Mylonas gemacht – zuletzt als Kameramann bei der insgesamt zwei Jahre dauernden Produktion des Null-Budget-Agenten-Thrillers „Golden Board“, der neulich im Bludenzer Kino vorgeführt wurde.

Weil Zvezdan Markovic sich in Vorarlberg und in Serbien gleichermaßen zu Hause fühlt, feiert er hier und dort traditionelle Feste wie sie fallen. Dabei pflegt er die Bräuche beider Kulturen. „Ich fühle mich reich, mit zwei Kulturen aufgewachsen zu sein“, betont er. Mit dem Verlauf seines Lebens sei er zufrieden. „Es gibt jedoch nicht nur Höhen, sondern auch Tiefen“, räumt er ein. „Doch mein Leitspruch ist: weitergehen, nie stehenbleiben.“