„Warten zermürbt die Menschen“

Vorarlberg / 19.11.2019 • 19:38 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die Sonntagsdemos werden in einen Standby-Modus versetzt. VN/Lerch
Die Sonntagsdemos werden in einen Standby-Modus versetzt. VN/Lerch

Initiative „uns reicht’s“ zieht Bilanz. Kritik an Situation von Flüchtlingen in Vorarlberg.

Bregenz 27 Sonntagsdemos für eine menschlichere Asylpolitik hat die Initiative „uns reicht’s“ seit vergangenem Jahr in ganz Vorarlberg abgehalten. Für die Verantwortlichen ein Grund, um Bilanz zu ziehen. Diese ist laut Mitinitiator Klaus Begle durchwachsen: „Wir waren uneins, ob wir eine Bilanz des Scheiterns oder des Erfolges ziehen sollen“, gab sich Begle, der selbst Ziehvater zweier Asylwerber ist, unschlüssig.

Denn trotz des Scheiterns der türkis-blauen Bundesregierung habe sich die Situation für Asylwerber nicht verbessert: „Wir leiden jeden Tag unter Meldungen von wohlintegrierten Flüchtlingen, die abgeschoben werden. Wert und Würde des Menschen liegen nach wie vor im Argen“, warnte Begle. Er sehe es als Scheitern, dass „kirchliche und weltliche Machtträger“ in Vorarlberg und Österreich nach wie vor schweigen. „Einerseits ehrt man Schlepper, die entgegen geltendem Recht Menschen über die Schweizer Grenze brachten, um sie vor dem NS-Regime zu bewahren“, spielte Begle auf den Schweizer Polizeihauptmann und Fluchthelfer Paul Grüninger an. „Andererseits werden aktuell tätige Schlepper, die Menschen retten, kriminalisiert und die Geschleppten zu Illegalen gemacht“, kritisierte der Hohenemser, der aber auch den Erfolg der Bewegung hervorhob. So sei er stolz auf die insgesamt 120 Redner und die geschätzten 25.000 Teilnehmer der Demos.

Die Aktivisten der Initiative gaben Einblicke, um auf den verschärften Umgang der Behörden mit Asylwerbenden aufmerksam zu machen. Nadja Natter, Berufsschullehrerin und Ziehmutter eines Asylwerbers, kritisierte etwa, dass Lehrlinge trotz Fachkräftemangels und ungeachtet ihrer Integrationsbemühungen nach wie vor abgeschoben werden. Alexandra Steininger, ebenfalls Ziehmutter eines Asylwerbers, sprach über ihre Erfahrungen als Ärztin in Tschagguns mit dankbaren, aber auch traumatisierten und resignierenden Flüchtlingen. Vindex-Geschäftsführerin Eva Fahlbusch kritisierte die Vorgehensweise der Behörden und die damit verbundenen langen Wartezeiten für die Antragsteller: „Das Warten zermürbt die Menschen, die zu mir kommen. Und auch ich weiß häufig nicht mehr, was ich noch raten soll.“ Fahlbusch kritisierte außerdem, dass beim Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl nach wie vor Interviews per Video Praxis seien.

Mit diesem Jahr werden die Sonntagsdemonstrationen in einen Standby-Modus versetzt, erklärte Mitinitiator Burkhard Walla. Die Plattform werde jedoch weiter mit verschiedenen  Aktionen tätig bleiben. „Sollte die kommende Regierung Politik auf Kosten jener machen, die hier Schutz suchen, werden wir wieder aufstehen“, versicherte Begle. Bei der abschließenden Demo am 8. Dezember in Hohenems wird der ehemalige Vizekanzler Erhard Busek (ÖVP) als Redner erwartet. VN-MIH