Armut verdunkelt das Leben

Vorarlberg / 20.11.2019 • 18:56 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Dr. Magdalena Holztrattner.TM
Dr. Magdalena Holztrattner.TM

Der oft kritisierte Sozialstaat schafft ein Recht auf Ausgleich.

Bregenz Was ist reich? Was ist arm? Da zitiert Magdalena Holztrattner den irischen Schriftsteller Oscar Wilde: „Es gibt zwei Klassen von Menschen: Die Gerechten und die Ungerechten.“ Nachsatz: Die Einteilung nehmen die Gerechten vor. Die Leiterin der Katholischen Sozialakademie Österreichs bricht den provokanten Sager im Rahmen der Ökumenischen Gespräche auf Österreich herunter. Ein mittlerer Haushalt hat ein Jahreseinkommen von 33.000 Euro brutto, die bestverdienenden zehn Prozent erhalten indessen im Schnitt 111.000 Euro. Davon fließt ein Achtel leistungsfrei in ihre Taschen, durch Aktien, Mieten usw. Oder anders gerechnet verfügt ein Prozent des einkommensstärksten Bevölkerungsanteils über mehr Besitzeinkommen, als 30 Prozent der einkommensschwächsten Österreicher durch Arbeit verdienen können. An Aktionäre etwa flossen 2018 rund 2,8 Milliarden Euro an Dividenden.

Die Zahlenspiele mit bitterem Nachgeschmack gingen endlos weiter. Die höchstbezahlten Manager börsennotierter Unternehmen verdienten 2018 mehr als 120.000 Euro pro Monat, Arbeiter indessen gerade mal 2400 Euro vor Abzug der Steuern.

Ist das gerecht?

Aber was erzeugen solche Beispiele mehr als Neid? Holztrattner wirft einen Blick in die katholische Soziallehre: Demnach hat jegliche Form des Besitzes immer auch eine soziale Funktion, „indem zum Beispiel weitere Arbeitsplätze geschaffen werden“.

Besitz ist ein Anteil an dem, „was Gott uns allen geschenkt hat“. Er ist deshalb „auf das Wohl aller hin geordnet“. Neu ist das nicht. Ambrosius von Mailand schreibt im vierten Jahrhundert: „Niemand soll sein Eigen nennen, was Allgemeinbesitz ist: was mehr ist, als zum Verbrauch reicht, ist mit Gewalt angeeignet worden.“ Mehr noch: Wer etwas behält, was seinen täglichen Bedarf übersteigt, beraubt die Armen. Das ist erschreckend aktuell, wenn man etwa an sein Handy denkt und die darin verbauten seltenen Erden…

Auf der Suche nach Ungerechtigkeiten wird Holztrattner rasch fündig. Frauen etwa arbeiten ab Mitte Oktober „für Gotteslohn“. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Eine Illusion.

Wie schmeckt Armut in Österreich? „Sie ist multidimensional und relativ.“ Als armutsgefährdet gilt jeder Ein-Personen-Haushalt mit weniger als 1260 Euro monatlich. Das klingt gar nicht so schlecht. Holztrattner hat lange in El Salvador gearbeitet. „Dort wäre das ein Super-Einkommen.“ Aber eben nicht hier. Die Kaufkraft ist so viel geringer. Solche Menschen können abgetragene Kleider nicht ersetzen, „sie tun sich schwer, sich gut und gesund zu ernähren, denn biologische Lebensmittel sind teurer“. Sie können ihre Wohnung nicht zur Gänze warmhalten, keine Freunde zum Essen einladen. Kurzum: „Armut verdunkelt ihr Leben.“ Sie ist „nicht das, was Gott will, denn Gott will das Leben in Fülle. Insofern“, betont Magdalena Holztrattner, „ist Armut ein sündhafter Zustand.“ Und sie ist „eine Frucht menschlicher Entscheidungen“. Sie reißt Gräben auf. „Wer Geld hat, schickt seine Kinder nicht in staatliche Schulen.“ Auf der anderen Seite sitzen arme Menschen fast nie im Gemeinderat, selten im Vorstand von Vereinen. Arme sind „der Abfall der Gesellschaft“. Und Abfall will man entsorgen. Raus haben aus dem Stadtbild. In Salzburg etwa herrscht ein Bettelverbot, „weil die Armen so verstörend sind“. Dabei sind sie immer Menschen. „Sie sind die Lieblinge Gottes“. Denn Jesus starb nicht an Altersschwäche, „er ist gekreuzigt worden wie der Abschaum seiner Zeit“. So endet der Abend in einem Plädoyer für den Sozialstaat, denn „die Stärke einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht“. Die Hoffnung Holztrattners inklusive, dass die nächste Bundesregierung die ungerechte „Sozialhilfe neu“ wieder rückgängig macht. Und mit einem Appell an die eigenen Reihen: „Wenn die Kirche sich ernst nehmen würde, müsste sie viel mehr Augenmerk auf die Armen legen.“ TM