Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Einsamkeit und ­Vereinsamung (1)

Vorarlberg / 20.11.2019 • 18:51 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Nahezu unbemerkt hat sich Einsamkeit zu einem Problem der modernen Gesellschaft entwickelt und wird eine der wichtigsten sozialen Herausforderungen für kommende Generationen sein. Spätestens nach Abklingen des derzeit die öffentliche Diskussion dominierenden Umweltthemas werden Vereinsamung und soziale Isolierung auch zu großen politischen Diskussionen führen. Einige Maßnahmen wurden bereits gesetzt. So hat die holländische Regierung einen Pakt gegen Einsamkeit geschlossen, Japan den Forschungsschwerpunkt Einsamkeit ausgerufen und Großbritannien, unbewusst vielleicht aus Angst vor den Brexitfolgen, ein eigenes Einsamkeitsministerium eingerichtet.

Die Gründe für die zunehmende Vereinsamung, im Zeitalter ungeahnter Kommunikationsmöglichkeiten nicht ganz zu begreifen, sind vielfältig: Zerfall der Großfamilien, Anstieg der Singlehaushalte, hohe Scheidungsraten, Verzicht auf Kinder, häufigeres Erleben des „Einsamkeitsalters“ oder Zunahme vereinsamender Erkrankungen wie Depression und Sucht, um nur einige zu nennen. Gesellschaftlich spielen ungebrochener Trend zur Individualisierung, überhand nehmender Narzissmus, Krise von Vereinen und Institutionen, neue Armut sowie Globalisierung und Migration die wichtigste Rolle. Wie neue wissenschaftliche Untersuchung zeigen, sind die Folgen verheerend. Einsamkeit führt zu psychischen Problemen, zu körperlichen Stresserkrankungen und zur Verkürzung des Lebens. Bei all den unter dem Schlagwort „Einsamkeit“ veröffentlichten Studien geht es aber nicht um die eigentliche Einsamkeit, die ja wohltuend und inspirierend sein kann, sondern um die Vereinsamung, also das Gefühl ,verlassen, nicht gebraucht und auf sich allein gestellt zu sein. Psychologisch resultieren Vereinsamungsgefühle aus reduzierter emotionaler Ansprache, aus Mangel an sozialem Beistand und dem Verlust menschlicher Nähe.

Hier müssten Gegenmaßnahmen ansetzen: In der Gesellschaft, in der dem Rückzug auf sich selbst, der überzogenen Egozentrik, entgegen gearbeitet werden soll. In der technischen Weiterentwicklung, in welcher Begegnungen von Angesicht zu Angesicht nicht unter die Räder kommen dürfen. In der Politik, die durch Förderung von Rand- und Problemgruppen deren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen muss. Schließlich bei uns selbst, indem wir in unserem Menschen- und Gesellschaftsbild die soziale und emotional Intelligenz in den Mittelpunkt rücken. Ob wir wollen oder nicht, müssen wir aber auch lernen, mit Einsamkeit zu leben.

„Einsamkeit führt zu psychischen Problemen, zu körperlichen Stresserkrankungen und zur Verkürzung des Lebens.“

Reinhard Haller

reinhard.haller@vn.at

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.