„Ich bin ein Überlebender”

Vorarlberg / 21.11.2019 • 18:13 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Drogen bestimmten über viele Jahre das Leben von Herbert. kum
Drogen bestimmten über viele Jahre das Leben von Herbert. kum

Herbert ist seit seiner Jugend suchtkrank. Er meistert sein Leben mit professioneller Hilfe.

Hohenems Seine Mutter hatte eine böse Vorahnung. „Die Schweiz wird dein Untergang“, prophezeite sie ihrem Sohn Herbert.

Mit 20 Jahren wechselte der ausgebildete Bürokaufmann die Arbeitsstelle. „Ich begann in der Schweiz zu arbeiten, am Bau.“ Seine neuen Freunde nahmen mit größter Selbstverständlichkeit Drogen. „Mir kam es so vor, als ob die ganze Schweiz kifft.“

Herbert (heute 59) war jung und neugierig. Es kam wie es kommen musste. Der Vorarlberger probierte das Zeug. „Drogen waren totales Neuland für mich.“ Es ging nicht lange, und er war von härteren Drogen abhängig. „Ich habe Kokain und Heroin genommen.“ Dank dem Gift fühlte er sich für ein paar Stunden happy. „Mir konnte keine Frau die Wärme geben, die mir das Heroin gab.“

„Du denkst nur an die Drogen“

Aber mit den Drogen kamen die Probleme. „Du wirst total unzuverlässig. Du machst oft blau. Dir ist alles egal. Du bist so süchtig, dass du nur noch an die Drogen und ans Geld denkst, an das Geld für den nächsten Schuss.“ Knapp zehn Jahre lebte Herbert in der Schweiz, die er in Sachen Drogen als paradiesisch empfand. 1993 kehrte er in seine Heimat Vorarlberg zurück. Der suchtkranke Mann fand im damaligen „Haus der jungen Arbeiter“ eine Bleibe – in einem Dreibettzimmer. „Ich wollte drei Monate bleiben. Es wurden sechs Jahre.“

Trotz Sucht 38 Jahre gearbeitet

Kaplan Bonetti, der damalige Leiter der Obdachlosen-Einrichtung, brachte ihn in einem Arbeitsprojekt unter. „Er sagte zu mir: „Wenn du Geld willst, musst du arbeiten.“ Arbeit hat Herbert zeitlebens nicht gescheut. Faulenzen – das war für ihn immer ein Schreckgespenst. Ihm war wichtig eine Tagesstruktur zu haben. Heute ist der 59-Jährige stolz darauf, dass er 38 Arbeitsjahre zusammengebracht hat. „Ich kenne niemanden, der im Drogenmilieu war und das geschafft hat.“ Kaplan Bonetti fing ihn immer wieder auf, wenn er sich Jobs wegen dem Gift versaute beziehungsweise er wegen dauernder Krankheit und vieler Fehltage in der Firma nicht mehr tragbar war.

Auf einem Schuldenberg gesessen

Dass er – mit Unterbrechungen – zwölf Jahre in den Arbeitsprojekten arbeiten durfte, sieht er nicht als selbstverständlich an. Überhaupt verdankt er den Kaplan-Bonetti-Einrichtungen viel. Als er wegen seiner Spielsucht auf einem Schuldenberg saß, unterstützten ihn die Berater, auch während des Privatkonkurses. “Sie haben dafür gesorgt, dass die Miete immer bezahlt wurde und haben für mich das Geld verwaltet. Das war ein Glück, so jemanden an meiner Seite zu wissen.”

„Ich sah viel Elend und Leid“

Manchmal hatte der suchtkranke Mann schon am Monatsanfang kein Geld mehr, weil er alles verspielt hatte. „Ich wusste dann nicht, wovon ich mich ernähren sollte. In solchen Momenten war ich froh, dass jemand von der Beratungsstelle neben mir stand.“ Inzwischen ist Herbert, der im Laufe seines Lebens mehrere zehntausend Euro verspielte und heute statt Heroin das Substitutionsmittel Morphium konsumiert, in Pension.

Jetzt hat er Zeit, um sein Leben zu rekapitulieren: „Ich sah viel Leid und Elend und Menschen, die vor meinen Augen starben.“ Er ist sich bewusst, „dass ich ein Überlebender bin“. Obwohl die Drogen- und die Spielsucht sein Leben erschwerten und seine Gesundheit beeinträchtigten, bereut der suchtkranke Mann nur eines: “Ich habe keine Familie. Mein Bruder machte es besser. Er gründete eine Familie. Und ich nahm Gift.”

„Im Vorjahr haben wir 1400 Haushalte beraten und betreut, so viele wie noch nie.“