In Sammeln eine Eins

Vorarlberg / 21.11.2019 • 18:40 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Friedl Wolaskowitz sammelt unter anderem alles, was mit Lotterie zu tun hat.hrj
Friedl Wolaskowitz sammelt unter anderem alles, was mit Lotterie zu tun hat.hrj

Wie der Wiener Lehrer Friedl Wolaskowitz im Bregenzerwald gelandet ist.

Heidi Rinke-Jarosch

HÖCHST Als Extrembergsteiger hat er hohe Gipfel erstürmt und an mehreren Expeditionen teilgenommen. Als Lehrer hat er Hauptschülern Geschichte, Deutsch und die Kunst des Zeichnens und Malens nahegebracht. Als Pensionist intensiviert er seine Sammelleidenschaft und rettet dabei Sachen, die generell achtlos weggeworfen werden. Als Buddhist geht er hin und wieder vor einer leeren Wand in sich.

Friedl Wolaskowitz wohnt in einem gemütlichen Haus am Ende von Höchst, nachdem er ziemlich oft umgezogen ist. Lebensstationen hatte er in Wien, Bezau, Fußach, Dornbirn, Aberdeen (Schottland), Hörbranz, Lustenau, Hard und nun – seit mehr als drei Jahrzehnten – in Höchst. Ehefrau Aida – sie ist Usbekin – zog vor 15 Jahren bei ihm ein. Und acht Jahre lang ist Tigerkatze Motzi Familienmitglied.

In Wien begann vor 68 Jahren Friedl Wolaskowitz‘ Leben. Er wuchs als Einzelkind auf, studierte Geschichte, Ethnologie und Slawistik und wurde Lehrer. Als er in Wiener Hauptschulen Deutsch und Werkerziehung zu unterrichten begann, herrschte in Vorarlberg drastischer Lehrermangel. „1974 kam Siegfried Gasser an die Pädak in Wien, um Lehrpersonen abzuwerben“, erzählt Friedl Wolaskowitz. Siegfried Gasser war damals ÖVP-Landesrat und für das Ressort Pflichtschulen verantwortlich. „Ich hörte mir an, was er zu sagen hatte“, sagt Wolaskowitz. Für ihn als damals 22-jährigen Junglehrer „klang das gut“. Anreiz war vor allem, in Vorarlberg monatlich 800 Schilling mehr als in Wien zu verdienen.

Sein neuer Wirkungsort wurde Bezau. An der dortigen Hauptschule unterrichtete er Deutsch, Geschichte und Bildnerische Erziehung. Nebenbei engagierte er sich bei der kulturellen Veranstaltungsreihe „Wäldertage“. Dabei ging es um die kritische Auseinandersetzung mit Themen wie Architektur, Tourismus, Bergbauernzukunft. Dieses Engagement sowie seine Zugehörigkeit zum Sozialistischen Lehrerverein wurden dem Wiener zum Verhängnis. „Man munkelte, die SPÖ habe mich bezahlt, eine rote Zelle im Bregenzerwald zu gründen.“ Die Erinnerung daran bringt ihn heute zum Lachen, auch wenn ihm dazumal gar nicht danach war. So währte seine Lehrtätigkeit in Bezau nur kurz. Nach drei Dienstjahren wurde er wegen seiner „sozialistischen Affinität“ in die Hauptschule Höchst versetzt. „Der Vorwurf lautete, ich bringe Unruhe ins Dorf. Außerdem war ich zu wenig katholisch. Ich lebte mit meiner damaligen Freundin in wilder Ehe zusammen.“ Mit der katholischen Kirche hatte Friedl Wolaskowitz schon als Jugendlicher „Schluss gemacht“. Bei der buddhistischen Religionsgemeinschaft fühlt er sich besser aufgehoben. Zwischenzeitlich hat es Friedl Wolaskowitz für ein Jahr nach Schottland verschlagen. „Das Land ist für mich eine zweite Heimat geworden.“ Ähnliche Gefühle empfindet er mittlerweile auch für Sri Lanka, wo er mit Ehefrau Aida ein Hilfsprojekt unterstützt.

Der Zufußreisende

Reisen ist ein fixer Bestandteil in Wolaskowitz‘ Alltag. Malaysia, Indien, Kuba, Westafrika zählen zu seinen Urlaubsdestinationen der vergangenen Jahre. Hin und wieder unternimmt er auch Zufußreisen. Die Insel Ischia hat er zweimal umwandert, Formentera einmal. Die nächste Zufußreise ist im Frühling geplant. Ziel ist Wien. „Ich starte vor meiner Haustür und gehe so lange ich mag.“ Bis nach Wien werde er es in einem Anlauf nicht schaffen, das sei ihm klar: „Ich komme vielleicht bis Salzburg. Auf jeden Fall bis zu einer Bahnstation, wo ich dann in einen Zug einsteigen werde.“

Zufußreisen seien sehr erholsam, betont Friedl Wolaskowitz. „Wenn man auf diese Weise unterwegs ist, kommt man kaum zum Reden, sondern geht vor sich hin mit seinen eigenen Gedanken.“ Die Sammelleidenschaft hat ihn im Alter von zwölf Jahren gepackt: Er sammelte Briefmarken. Dann waren es Kaffeerahmdeckel – wegen der Bildchen auf dem abziehbaren Aluminium. Dann kam alles, was mit Lotterie zu tun hat, dazu. Schließlich gründete er Ephemera, den Verein für Alltagsgrafik. Ephemera sind Dinge, die für einen kurzen Gebrauch gedacht sind. Das Archiv, von dem ein Teil im oberen Stock des Wolaskowitz-Wohnhauses untergebracht ist, der größere Teil indes in der Mittelschule Höchst, umfasst so ziemlich alles, was für kurzen Gebrauch produziert wurde. Darunter sind Verpackungen aller Art, Kaffeedosen, Werbeschilder, Fahrscheine, Lottoscheine und natürlich unzählige Kaffeerahmdeckel.

In seiner Funktion als Ephemera-Vereinsobmann und als Historiker hat er das Jubiläumsbuch „50 Jahre HS Höchst“ verfasst. In diesem Bilderbuch sind 4845 Höchster Schüler der letzten 50 Jahre erwähnt. „Für die Gemeinde ist das Jubiläumsbuch ein wichtiges historisches Dokument“, sagt Wolaskowitz.

Der Minimalist

Seit er 2011 als Lehrer pensioniert wurde, beschäftigt er sich noch intensiver als zuvor mit dem Sammeln. Er betont aber, an nichts Materiellem zu hängen, sondern eigentlich Minimalist zu sein: „Ich stehe zum Beispiel gern vor einer leeren Wand und schaue sie einfach nur an.“ Da spricht der Buddhist.

Sorgen bereitet Friedl Wolaskowitz „der extreme Rechtsruck in unserer Gesellschaft und die fehlende Empathie Menschen gegenüber, denen es schlecht geht“. Er wünscht sich „eine weltweit gerechte Verteilung unseres Reichtums. Damit wären nahezu alle Probleme gelöst“.

Zur Person

Friedl Wolaskowitz

Geboren 25. September 1951

Wohnort Höchst

Beruf Lehrer, Historiker

Familie verheiratet mit Aida