Vorarlberg und der Müll

Vorarlberg / 22.11.2019 • 19:11 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Müllentsorgung ist nicht erst seit dem Häusle-Prozess ein Thema. Die Privathaushalte verkauften früher noch ihr Altmetall, Papier oder sogar Küchenabfälle. Im Ersten Weltkrieg gewann die Altstoffsammlung zunehmende Bedeutung. Bald stellte sich eine Papierknappheit ein, die das k. k. Handelsministerium nötigte, die Ämter und Banken aufzufordern, ihre alten Aktenbestände vorzeitig auszusortieren. Das Landes-Kriegshilfsbüro genehmigte 1916 eine Altpapiersammlung zugunsten der Hinterbliebenen von „gefallenen Vorarlberger Kriegern“. Das kollektive Müllsammeln sollte die Gesellschaft mit dem Krieg solidarisieren, gewonnen wurde dieser dadurch bekanntlich nicht.

Als sich ab den 20ern der Konsum langsam erholte und dadurch auch der Müll wieder mehr wurde, beschäftigte eine Mülldebatte die Vorarlberger Landeshauptstadt. Wie sollte entsorgt werden und wer sollte dafür bezahlen? Die Bregenzer Stadtverwaltung unternahm sogar Expeditionen nach St. Gallen und Innsbruck, um sich mit der modernen Müllabfuhr vertraut zu machen. Die Bürger waren jedoch von der kostenpflichtigen Abholung nicht restlos begeistert. Anträge auf Ausnahmegenehmigungen wurden von der Stadtvertretung aber zurückgewiesen. Zunächst beschloss Bregenz die Anschaffung eines Müllautos, auch wenn die „Landeszeitung“ noch 1928 unter dem Titel „Zurück zum Pferd! Es behauptet sich erfolgreich gegen den Motor“ verkündete, Pferde seien vor allem für die Müllabfuhr „geeigneter und wirtschaftlicher“ als Kraftfahrzeuge.

Nachdem die Müllentsorgung in Bregenz regelmäßig „eine Unsumme von Unzufriedenheiten und Unstimmigkeiten heraufbeschwört“ hatte, wie das „Vorarlberger Tagblatt“ schrieb, schritt man 1929 zur Einführung einheitlicher Müllkübel. Das Geld dafür hatte man über Jahre durch erhöhte Abgaben angespart. Die Haushalte hatten bis dahin jeweils eigene Abfallbehälter verwendet, deren unterschiedliche Handhabung die Mitarbeiter der Müllabfuhr aber Zeit und Nerven kostete. Die städtischen Müllmänner wurden nunmehr angewiesen, Abfall aus „unstatthaften Gefäßen nicht abzuführen und die betreffenden Parteien zur Anzeige zu bringen“. Die Bregenzer Müllordnung sprühte nur so vor alemannischem Geist: Die Müllkübel waren „angemessene, nicht unnötig lange Zeit vor der Müllabfuhr auf den Rand des Gehsteiges nebeneinander gereiht zu stellen und ehestens nach Entleerung“ wieder ins Haus zu schaffen. Das Stehenlassen von Mistkübeln über Nacht wurde „strengstens geahndet“. Mit dem Müll selbst wurde weniger sorgsam umgegangen, er wurde bis in die 70er einmal hier und einmal dort verscharrt oder verbrannt. Allein in Vorarlberg werden 165 Ablagerungsstellen vermutet.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at