Orkideh Hofer gibt Afghanen eine Stimme

Vorarlberg / 24.11.2019 • 17:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Orkideh Hofer kann Farsi und Dari verstehen und sprechen.VN/Hämmerle
Orkideh Hofer kann Farsi und Dari verstehen und sprechen.VN/Hämmerle

Gerichtsdolmetscherin übersetzte auch für den Mörder von Michael Perauer am Landesgericht Innsbruck.

Innsbruck Viele Worte aus dem Munde von Nasir Ahmad H. musste die gebürtige Iranerin am vergangenen Donnerstag nicht an das Gericht weitergeben. Der Beschuldigte schwieg bis zum Schluss. Erst nach dem ergangenen Urteil, der Einweisung in eine Anstalt für abnorme Rechtsbrecher, gab es für Orkideh Hofer einen lapidaren Satz aus dem Munde des Verurteilten an die Richterin weiterzugeben: „Okay, aber ich war es nicht.“

Die andere Gesellschaft

Trotzdem war die beeidete Dolmetscherin am Donnerstag während der Verhandlung voll beschäftigt. Sie musste dem Angeklagten alles übersetzen, was über ihn gesprochen wurde, und ihn dabei auch immer wieder fragen, ob er alles verstanden habe.

Für Orkideh Hofer gehören Afghanen und ihre fremde Welt zum Alltag. Sie versteht und spricht Farsi sowie Dari. Beide Sprachen sind grundsätzlich dem Iran zuzuordnen, werden aber auch in Afghanistan gesprochen.

Orkideh Hofer hat nicht nur den Zugang zur Sprache von Afghanen und Persern, sie muss als Frau auch immer wieder in eine Welt eintauchen, die von Männern beherrscht wird und in der Frauen eine völlig untergeordnete Rolle spielen.

„85 Prozent meiner Klienten sind Afghanen. Circa 80 Prozent von ihnen sind praktisch Analphabeten. Ich begegne diesen Menschen, zumeist Männern, sehr höflich. Dadurch bleiben die meisten auch höflich mit mir“, erzählt Hofer, die sich tunlichst zu starke emotionale Nähe zu ihren Klienten und den damit verbundenen Fällen verbietet. Das Bild einer patriarchalischen, sehr oft von Gewalt geprägten Gesellschaft bleibt ihr dennoch nicht verborgen. Männer, die ihre Frauen misshandeln, hilflose Frauen, die völlig verängstigt in Frauenhäusern landen, schlimme Schicksale: von alledem bekommt die Dolmetscherin viel mit. Angst habe sie nicht, wenn sie afghanischen Gewalttätern in deren Gefängniszelle gegenübersitzt. „Ich habe auch noch nie eine bedrohliche Situation erlebt, sehr wohl aber rüde Umgangsformen.“

Richtig berührt hat Orkideh Hofer in ihrer sechsjährigen Karriere als Dolmetscherin eine Geschichte. „Da ging es um eine afghanische Familie, die nach Österreich geflüchtet ist. Weil die älteste Tochter zuvor auf eigene Faust nach Europa gelangt war, wurde sie von ihrem Vater verstoßen. Die Mutter hat trotz des Drucks auf sie dennoch alles daran gesetzt, ihre Tochter in Deutschland ausfindig zu machen. Ich vergesse das herzerschütternde Weinen dieser Frau um ihre Tochter nie mehr. Letztlich hat sie die Tochter ausfindig gemacht und hat sie trotz des Widerstands ihres Mannes besucht.“

Keinen Zugang

Zum Mörder von Michael Perauer konnte die Dolmetscherin ebenso wenig Zugang finden, wie die Ermittler und die Psychiaterin Adelheid Kastner. „Er hat keine Frage sinnhaft beantwortet. Ich hatte überhaupt keinen Zugang zu ihm.“