Harald Walser

Kommentar

Harald Walser

„Sonderschule“?

Vorarlberg / 24.11.2019 • 17:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eltern wollen für ihre Kinder immer das Beste. Wenn ein Kind gehandicapt ist, sind Eltern bereit, für ihre Kinder „durchs Feuer“ zu gehen und sie zu schützen. Die zentrale Frage aber ist, was „das Beste“ für die Kinder ist.

In Vorarlberg ist das Thema zuletzt in der Diskussion um die beschlossene Schließung der „Sonderschule Feldkirch“ aufgekommen. Während viele Eltern der betroffenen Kinder massiv gegen die Schließung aufgetreten sind, weil sie sich Sorgen um ihre Kinder machen, haben andere wie etwa der Verein „Integration Vorarlberg“ darauf verwiesen, dass es „mehr Mut zur Inklusion“ benötige und alle Kinder möglichst lange gemeinsam lernen sollten. Die inklusive Pädagogik will, dass alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden und die Bedürfnisse des einzelnen Kindes durch individuellen Unterricht berücksichtigt werden. Das kann gelingen: Im Tiroler Bezirk Reutte beispielsweise hat schon vor über zwanzig Jahren Roland Astl, der Direktor der dortigen Sonderschule, dafür gesorgt, dass alle seine Schülerinnen und Schüler im Regelschulwesen unterkommen und für die fachliche Begleitung gesorgt. Seither funktioniert das bestens. Die Tiroler Landesrätin Beate Palfrader hat Astl daher vor fünf Jahren zum Landeskoordinator für Inklusion bestellt.

Das müsste eigentlich überall so sein, denn Österreich hat bereits im Jahr 2006 die „UN-Behindertenrechtskonvention“ unterschrieben. Darin ist in Artikel 24 explizit festgehalten, dass „Menschen mit Behinderungen nicht vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden“ dürfen und „innerhalb (!) des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung“ erfahren müssen, „um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern“. Das schließt die Unterbringung in Sonderschulen natürlich aus.

Um Eltern die Sorge um ihre Kinder zu nehmen, müssen alle Schulen für die Aufnahme von Kindern mit besonderen Bedürfnissen strukturell und personell vorbereitet werden. Geschehen ist diesbezüglich in Österreich seit der Unterzeichnung allerdings nur wenig. Man hat die betroffenen Kinder weiterhin lieber in „Sonderschulen“ konzentriert und ihnen dadurch den Kontakt mit Nichtbehinderten und die Integration ins „normale Leben“ erschwert.

Italien hingegen hat bereits 1976 die Sonderschule abgeschafft. Wer wissen will, wie und ob das funktioniert, kann sich neben Reutte somit auch in Südtirol kundig machen. Ich selbst habe bei Besuchen in mehreren Schulen in Reutte und Südtirol nur begeisterte Lehrkräfte, zufriedene Eltern und selbstbewusste Kinder und Jugendliche erlebt.

Damit so etwas auch bei uns gelingen kann, braucht es ein klares Statement der zuständigen Landesrätin, engagierte Lehrkräfte und die notwendigen infrastrukturellen Voraussetzungen. Was Südtirol und Reutte zustande gebracht haben, müsste Vorarlberg doch auch zustande bringen. Zum Besten für die betroffenen Kinder!

„Geschehen ist diesbezüglich in Österreich seit der Unterzeichnung allerdings nur wenig.“

Harald Walser

harald.walser@vn.at

Harald Walser ist Historiker, ­ehemaliger Abgeordneter zum ­Nationalrat und AHS-Direktor.