Angstfaktor brennendes E-Auto

Vorarlberg / 26.11.2019 • 07:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Auch der Vorarlberger Landesfeuerwehrverband verfügt über zwei Dienstwagen mit Elektro-Antrieb. Im Bild Thomas Brugger, unter anderem Experte für Gefahrenstoffe. VN/GS

Löscheinsätze bei Elektrofahrzeugen sind nicht ungefährlich und können langwierig sein.

Feldkirch Ein ausgebrannter Tesla in Tirol sorgte in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen: Niemand wollte sich die Finger daran verbrennen, den Wagen mit dem unberechenbaren, 600 Kilo schweren Lithium-Ionen-Akku zu entsorgen. Ratlosigkeit herrschte. Bis nach fünf Wochen im tirolerischen Kössen ein Unternehmen gefunden wurde, das über das entsprechende Know-how für die Entsorgung dieses speziellen Sondermülls verfügt. Wie sich schlussendlich aber herausstellte, wurde hier viel Lärm um nichts gemacht. Thomas Brugger, beim Vorarlberger Landesfeuerwehrverband unter anderem zuständig für Gefahrstoffe, erklärt den VN, warum: „Der Lithium-Ionen-Akku war bei dem Unfall möglicherweise nicht die primäre Ursache für den Brand.“

Grundsätzlich muss unterschieden werden, ob „nur“ der Fahrzeuginnenraum in Brand geraten ist oder der Akku durch eine Krafteinwirkung mechanisch beschädigt wurde. In beiden Fällen muss Bedacht auf den Akku genommen werden, da bei einer längeren thermischen Einwirkung eine exotherme Reaktion des Akkus bzw. durch die Beschädigung der Akkuzellen ein Brand entstehen kann. Die Beurteilung des Akkuzustandes kann jedoch nicht durch die Feuerwehr erfolgen.

Gefahr Stromschlag

Die Gefahren von Elektrofahrzeugen sind de facto dieselben wie beim Hybridfahrzeug: Nahezu geräuschlose Betriebsbereitschaft, die Gefahr von Stromschlägen bei stark beschädigten oder zerstörten Hochvoltbatterien sowie Verätzungen durch spezielle Batterieflüssigkeiten (Elektrolyt). „Bei starken Verformungen von Hochvoltbatterien muss mit einer zeitnahen exothermen Reaktion gerechnet werden“, erklärt der Experte. Zudem werden im Brandfall giftige Stoffe von Hochvoltbatterien freigesetzt. „Deshalb verwenden wir Atemschutz und auch isolierende Handschuhe“, so Brugger.

Im Inneren des Elektrofahrzeuges befindet sich die  Hochvolt-Trennstelle, die im Notfall betätigt werden kann.
Im Inneren des Elektrofahrzeuges befindet sich die Hochvolt-Trennstelle, die im Notfall betätigt werden kann.

Vereinzelt kam es bereits zu Unfällen mit Elektro- oder Hybridfahrzeugen in Vorarlberg. In keinem Fall kam es zu einem Brandereignis. Die Einsätze gingen glimpflich aus. Die Vorarlberger Feuerwehren sind gut vorbereitet. „Wir bleiben am Nerv der Zeit“, spricht der Gefahrstoff-Experte von speziellen Schulungen durch den Landesfeuerwehrverband und einer Rettungskartendatenbank, welche den Vorarlberger Feuerwehren zur Verfügung steht.

Die Einsatztaktik

Und so läuft die Taktik ab, wenn ein Elektrofahrzeug in Flammen steht: Gefahr erkennen, Fahrzeug absichern, Menschenrettung durchführen und Spezialkräfte anfordern. Speziell bei E-Fahrzeugen muss zunächst sichergestellt werden, ob das Hochvoltsystem deaktiviert ist. Bei Elektro-Autos wird dies durch Abschalten der Zündung oder beispielsweise automatisiert bei einer Auslösung des Airbags veranlasst. Zusätzlich kann durch Abklemmen der 12V-Batterie oder Betätigung der Hochvolt-Trennstelle (Wartungsstecker) dieser Sicherheitszustand erreicht werden.

Brugger: „Lithium reagiert heftig mit Wasser, was bedeutet, dass ein brennender Akku nicht mit Wasser gelöscht werden kann.“ Zweck des Einsatzes von Löschwasser sei es, die einzelnen Zellen zu kühlen und eine Kettenreaktion („thermal runaway“) durch beschädigte Akkuzellen zu verhindern. Doch dazu wird außerordentlich viel Löschwasser benötigt, was – abhängig von der Umgebung – den Einsatz eines Großtanklöschfahrzeuges beziehungsweise mehrerer Tanklöschfahrzeuge erfordert.

Quarantäneparkplatz

Das beschädigte oder zerstörte Fahrzeug wird anschließend auf einen Quarantäneparkplatz (in Vorarlberg zum Beispiel beim ÖAMTC) verfrachtet. Und zwar für einen Isolationszeitraum von mindestens 48 Stunden, unter freiem Himmel und mindestens zehn Meter von Gebäuden entfernt. „Denn es besteht immer die Gefahr einer Rückzündung des Akkus“, ergänzt der Spezialist.