Den Wert des Lebens spüren

Vorarlberg / 26.11.2019 • 18:24 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Extrembergsteiger Hans Kammerlander ist diesen Freitag beim Montafoner Bergfilmfestival „Gratwanderung“ in der Kulturbühne Schruns zu Gast. Kammerlander
Extrembergsteiger Hans Kammerlander ist diesen Freitag beim Montafoner Bergfilmfestival „Gratwanderung“ in der Kulturbühne Schruns zu Gast. Kammerlander

Extrembergsteiger Hans Kammerlander ist mit Multivisionsvortrag in Schruns.

SCHRUNS Grenzgänger und Ausnahme-Alpinist, Skifahrer, Bergsteiger, Kletterer und Naturmensch sind nur ein paar wenige Attribute, die den Südtiroler Hans Kammerlander beschreiben. Am Freitag, 29. November, gastiert er mit seinem Multivisionsvortrag „Manaslu – Der Geisterberg“ beim Montafoner Bergfilmfestival „Gratwanderung“ in der Kulturbühne Schruns. Was das Publikum dort genau erwartet, verrät er vorab nicht. Dafür spricht er über die Bedeutung von Leben und Tod, den Umgang mit der Gefahr und seine nächsten Ziele.

 

Sie haben 13 der 14 Achttausender bestiegen – beim 14. passierte 1991 die Tragödie am Manaslu, wo sie binnen vier Stunden zwei ihrer besten Freunde verloren haben. In ihrem Multivisionsvortrag in der Kulturbühne wird es ja auch um den Manaslu gehen. Lange war für Sie klar, dass sie dorthin nicht mehr zurückkehren möchten. Warum haben Sie diesen Entschluss neu gefasst?

KAMMERLANDER Das passierte aufgrund einer ähnlichen Geschichte, als ebenfalls ein Kollege tödlich verunglückt ist. Damals bin ich gleich im darauffolgenden Jahr wieder an denselben Ort zurückgekehrt. Ich habe festgestellt, dass das besser ist. Das war der Grund meines Umdenkens. Es hat keinen Sinn, nach hinten weg zu gehen, es ist einfach besser, nach vorne zu gehen.

 

Wie fühlte es sich an, nach Nepal an den Mansalu zurückzukehren?

KAMMERLANDER Das war in Ordnung, völlig. Ich realisierte eher, dass es früher besser gewesen wäre. Aber in meinem Vortrag wird ja nicht nur der Manaslu thematisiert. Ich erzähle natürlich auch von anderen Erlebnissen. Zudem wird es gigantische Bilder zu sehen geben. Und die Geschichte, die ich vortrage, ist nicht nur ein Aufzählen von Bergen. Ich habe den Vortrag nun schon ein paar Mal gezeigt, und ich glaube aufgrund des Feedbacks, dass das Publikum sehr mitgehen kann.

 

Der Titel des Montafoner Bergfilmfestivals ist ja „Gratwanderung“. Dass Alpinismus eine Gratwanderung ist, konnten Sie mehrfach erleben. Wie oft mussten Sie bereits um Ihr Leben fürchten?

KAMMERLANDER Schon oft. Wenn du das als Beruf wählst und professionell machst, dann bist du immer mit einem gewissen Risiko unterwegs. Du gehst oft schon sehr nah an die Grenzen heran. Das ist auch nicht anders möglich, trotz aller Vorbereitung.

 

Wie gehen Sie mit dieser Gefahr um?

KAMMERLANDER Positives Denken ist da einfach gefragt. Mit einer negativen Einstellung braucht man sich großen alpinen Zielen nicht einmal annähern.

 

Was bedeutet für Sie dann eigentlich Angst? Haben Sie Angst vor dem Tod?

KAMMERLANDER Nicht unbedingt. Das hält sich absolut in Grenzen. Ich denke da nicht wie die Masse, die vielfach ein Leben lang unterwegs ist und fieberhaft und verkrampft aufs Leben aufpasst. Ich meine, den Wert des Lebens spürt der Mensch eigentlich nur, wenn das Leben exponiert ist.

 

Sie halten nach wie vor mit 17 Stunden den Rekord für die schnellste Besteigung des Mount Everest über die Nordroute, und das sogar mit Skiern. Würden Sie heute noch den Mount Everest besteigen – in Zeiten von Massentourismus und Schlange stehen?

KAMMERLANDER Nein. Für eine Million Euro würde ich da nicht hingehen oder besser gesagt, ich würde schon hinaufgehen. Aber nicht auf diesem Trampelpfad, wo alles gesichert ist und man inmitten eines Rudel ‚Schafe’ ist. Das würde ich nicht machen. Aber es gibt Routen am Everest, wo du alleine bist. Aber die sind natürlich nicht leicht.

 

Sie sind bereits über 60 Jahre. Wie sieht der Alltag eines Hans Kammerlanders heute aus?

KAMMERLANDER Natürlich gemütlicher. Den Wettlauf habe ich lange genug gemacht, das kann ich nicht mehr. Ich habe natürlich Ziele, die ich mir stecke, aber der Berg ist nur mehr ein Teil davon. Er ist nicht mehr das Ein und Alles, es zählt viel mehr das Rundherum. Ich nehme mir jetzt mehr Zeit. Aber Ziele sind wichtig, denn wenn der Mensch keine Ziele mehr hat, dann hat er gelebt.

 

Was sind dies konkret für Ziele?

KAMMERLANDER In diesem Jahr fahre ich zum dritten Mal nach Nepal. Was mich fasziniert sind immer noch die Skier. Vielleicht mache ich ein dort ein bisschen was mit den Brettern. Auch die Cordillera Blanca in Peru reizt mich. Also mittelgroße Pläne. RAL

GRATWANDERUNG 2019

Montafoner Bergfilmfestival

Kulturbühne Schruns

Donnerstag, 28. November Filme rund ums Freeriden und Klettern

Freitag, 29. November Vortrag von Hans Kammerlander „Manaslu – Der Geisterberg“

Samstag, 30. November Vorträge und Diskussion über Sinn und Unsinn des Bergsteigens, Beginn jeweils um 20 Uhr, nähere Infos: www.gratwanderung.org

Zur Person

HANS KAMMERLANDER

Geboren 6. Dezember 1956

WOHNORT Ahornach

BERUF Bergführer und Extrembergsteiger

FAMILIE 1 Tochter

HOBBYS Berge, Oldtimer