Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Luca – eine Geschichte in fünf Teilen. Vierter Teil

Vorarlberg / 28.11.2019 • 17:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wir waren uns im Zug gegenübergesessen. Luca, so hieß die Frau, erzählte mir von ihrer Kindheit, ihrem sanften Vater, der ein bisschen zu viel trank, und ihrer hysterischen italienischen Mutter, über die sie gerne sagen würde, sie sei eine böse Frau gewesen.

„Mein Vater wollte dass alles gut wird“, erzählte Luca. „Er meinte, wenn er und seine Frau allein wären, würde alles zwischen ihnen gut. Wir bringen Luca zu meinen Eltern, schlug er vor, dann kümmere ich mich ganz um dich und nehme dir das Baby ab.

„Immer schläft sie, sagte ich. Will sie immer nur mit dem Baby schlafen? Ich will nie wieder heim!“

Unser Baby war auch ein Mädchen, schwarzhaarig mit blauen Augen. Die Großeltern wohnten in einer Kleinstadt. Sie nahmen mich vorsichtig auf, mein Vater hatte ihnen gesagt, ich sei schwierig geworden. Ich! Er fuhr gleich wieder ab, beantwortete keine Frage.

Viel Besuch kam zu den Großeltern, sie waren bekannt als gute Gastgeber. Die Großmutter stammte aus Berlin und vermisste die Großstadt. Hatten sie Gäste und es wurde diskutiert, fühlte sie sich wie damals. Der Großvater spielte am Klavier, alle waren bemüht gekleidet. Manche Gäste griffen mir in die Haare, das gefiel mir nicht. Ich legte mich mit meinem kleinen Holzmenschen in das Bett, in dem schon mein Vater als Kind geschlafen hatte. Ich wollte nicht weinen, aber ich weinte doch. Der Großvater fand mich und fragte: Was ist denn mit meinem Rabenmädchen?

Ich will heim zur Mama, sagte ich.

Was an deiner Mama vermisst du denn?, fragte er.

Wie sie riecht und die Spaghetti.

Wir rufen sie an, sagte er und wählte die Nummer. Mein Vater nahm ab.

Deine Luca vermisst ihre Mama, hol sie ans Telefon! – Das war ein harter Ton.

Die Mama schlafe mit dem Baby.

Immer schläft sie, sagte ich. Will sie immer nur mit dem Baby schlafen? Ich will nie wieder heim!

Ich wollte das Baby nicht. Ich eine andere Mama. Ein paar Gäste kamen ins Kinderzimmer und redeten auf mich ein. Ob ich eine Geschichte hören möchte? Ich wollte keine Geschichten hören. Ich schloss die Augen und stellte sich schlafend.“

„Darf ich raten?“, fragte ich. „Sie sind auch bei Ihren Großeltern davongelaufen, habe ich recht?

„Am nächsten Morgen war ich verschwunden. Die Großeltern suchten und riefen und beteten und flehten. Angeblich. Eine Zeit lang hatte ich in der Nacht noch den Geräuschen aus dem Wohnzimmer gelauscht. Reden und Singen und Lachen. Dann war ich im Nachthemd zur Tür gegangen, hatte sie geöffnet und war auf die Straße hinausgelaufen. Und davon.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.