Advent, Advent, was brennt?

Vorarlberg / 29.11.2019 • 17:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Jetzt beginnt sie also wieder, die Adventzeit. Dazu ein persönliches Erlebnis: In einem Betrieb ist eine Weihnachtsfeier angesagt. Ich werde zwei Tage davor angerufen, mit der Bitte, zu kommen und ein paar besinnliche Worte zu sprechen. Dann kam noch der Zusatz: Du kannst dann gleich wieder gehen, wir wollen deine kostbare Zeit nicht beanspruchen! Meine Antwort auf diese Einladung hörte sich folgendermaßen an: Du, hast du eine Bibel im Haus? Die Antwort war: Ja! Gut, sagte ich. Dann mach bitte folgendes: Lies du bitte selber bei eurer betrieblichen Weihnachtsfeier das Weihnachtsevangelium, Lukas, 2.Kapitel, den Anwesenden vor und sag ein paar Worte dazu, was dich dabei besonders anspricht. Ich darf ja annehmen, dass du ein getaufter und gefirmter Christ bist und dass du damit keine Schwierigkeiten hast.

Die Reaktion darauf

Zuerst einmal ein kurzes Schweigen,begleitet vom hörbaren Schlucken. Duuu, Trenti, kam es dann durch das Telefon, das ist jetzt aber nicht dein Ernst?! Doch, war meine Antwort. Warum solltest du nicht dazu fähig sein? Der Telefonhörer des Anrufers landete sehr geräuschvoll auf der Telefongabel.

Brennt was?

Damit ihr mich, liebe Leserinnen und liebe Leser, richtig versteht: Nein, ich war nicht gekränkt, dass man mir sagte, dass ich nach meinen besinnlichen Worten gleich wieder gehen kann! Was mich vielmehr daran gestört hat, sind zwei Dinge. Erstens wird ein Priester offensichtlich gebraucht, um Traditionen(?) einen dementsprechenden religiösen Anstrich zu verleihen. Der Priester als religiöser Entertainer, den man halt aus der Tüte hervorzaubert, wenn er gebraucht wird. Das Zweite, was mich gestört hat, ist die traurige Erkenntnis, dass selbst getaufte und gefirmte Christen in der Öffentlichkeit nichts mehr zu sagen haben, geschweige, über ihren eignen Glauben Auskunft geben können oder wollen.

Was brennt?

Früher nannte man die Adventzeit „stillste Zeit des Jahres“! Heute ist diese Zeit bei vielen eine der lautesten Zeiten des Jahres überhaupt. So, als hätten viele Menschen eine unheimliche Angst davor, still zu werden, in sich selbst hineinzuhören, einfach da zu sein, mit all ihren persönlichen Gedanken und Überlegungen. Das Unglück vieler Menschen beginnt auch dort, wo sie nicht mehr fähig sind, eine halbe Stunde in völliger Ruhe, allein in ihrem Zimmer zu sein. Denn da könnte etwas zu brennen anfangen: meine Fragen, meine Sehnsüchte, meine Traurigkeiten, mein ganzes Leben. Aber genau diese Fragen werden nicht durch die immer früher beginnenden Weihnachtsmärkte beantwortet! Bedenken wir bitte: In der Adventszeit bereiten wir uns auf einen Menschwerdungsprozess vor, der in der Geburt Jesu (feiern wir zu Weihnachten) einen Höhepunkt erreicht hat. Eigentlich müsste es in jedem von uns brennen, wenn er in sich selbst seine göttlichen Fähigkeiten, die er mitbekommen hat, entdeckt: Glaube, Hoffnung, Liebe. Daraus resultiert nicht nur das Leben als Menschen, sondern jede Art der Religion und der (eigenen) Lebensbewältigung im Miteinander und Füreinander. Du kannst dieses Adventsprüchlein noch so oft wiederholen: Advent, Advent ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier. Dann steht das Christkind vor der Tür! Brennen tut erst dann etwas, wenn du dieses „Christkind“ bei dir hineinlässt. Das heißt: Wenn die Botschaft Jesu selbst bei dir und in deinem Leben Form und Gestalt annimmt. Jedenfalls wünsche ich Dir das von ganzem Herzen. Ansonsten bleibt für dich Advent nicht still, sondern er wird immer lauter und noch lauter und brennen tut nichts, außer deinen Enttäuschungen und deinen unerfüllten Wünschen und Vorstellungen.

Roland Trentinaglia, Pfarrer in Hohenweiler, Hörbranz und Möggers.
Roland Trentinaglia, Pfarrer in Hohenweiler, Hörbranz und Möggers.