Mystisches Bergmassiv

Vorarlberg / 29.11.2019 • 18:50 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Name der Wirmsäule soll auf den gleichnamigen Riesen zurückgehen, weiß Franz Elsensohn. Er setzt sich intensiv mit Vorarlbergs Sagen auseinander. VN/Steurer, Stiplovsek
Der Name der Wirmsäule soll auf den gleichnamigen Riesen zurückgehen, weiß Franz Elsensohn. Er setzt sich intensiv mit Vorarlbergs Sagen auseinander. VN/Steurer, Stiplovsek

Die Kanisfluh zieht Menschen seit jeher in ihren Bann. Zahlreiche Sagen belegen das.

Mellau, Au, Schnepfau Wie eine mächtige Felsburg liegt sie mit ihren breiten Schultern zwischen Mellau, Schnepfau und Au, ist 2044 Meter hoch und ist wohl der markanteste Berg des Bregenzerwaldes: die Kanisfluh. Dabei erinnert der Berg in vielerlei Hinsicht an einen menschlichen Körper: ein kolossales Haupt mit einem Rumpf samt breiten Felsschultern, die Macht und Stärke vermitteln. Gleichzeitig ausladende Hänge, die wie sich ausbreitende Arme Geborgenheit vermitteln.  

Eine skurrile Felsformation ist die Wirmsäule („Wirmsul“) an der Nordseite der Kanisfluh, auch Wild-, Geisterkirche oder Hexenturm genannt. Heute ist die viel bewunderte, frei stehende Säule ein begehrtes Fotomotiv. Viele Wälder sehen in der talseitig 120 Meter hohen Säule ein Symbol der Stärke und des Selbstbewusstseins. Wenig verwunderlich, dass ihr zahlreiche Sagen zugrunde liegen: „Teil der Folklore sind Hexen, die sich hier versammelt haben sollen und es vielleicht bis heute tun“, weiß Sagenkenner und Autor Franz Elsensohn, der vergangenes Jahr das Buch „Sagenhaftes Au“ veröffentlicht hat. Besonders vor Feiertagen sollen die Hexen im Inneren des Kegels zusammenkommen, tanzen und dabei einen großen Lärm machen.

Der Vorarlberger Schriftstellerin Natalie Beer zufolge geht die Felssäule auf den Riesen Wirm zurück. Er soll die Aufgabe bekommen haben, den schönsten Berg zu schaffen. Mit enormer Sorgfalt begann er den Berg zu bauen. „Dieser wuchs, wurde breit und schön, auf der Südseite bekam der Berg eine Samtdecke und gegen Norden einen steilen Absturz“, beschreibt Sagenkenner Elsensohn. Nach einiger Zeit habe der Riese Zweifel bekommen, ob er sein Werk jemals zu seiner Zufriedenheit vollenden könne. „Schließlich versank er in tiefe Traurigkeit und hörte auf, an sein Werk zu glauben“, erzählt Elsensohn. In seiner Verzweiflung stürzte er sich in den Tod. Seine Brüder begruben ihn in seinem eigenen Felsen, vor die Grabhöhle stellten sie einen gewaltigen Stein, die Wirmsul.

Bergsteigerunglücke

Den Tod fand nicht nur der Riese Wirm, sondern ebenso zahlreiche Menschen – freiwillig oder unfreiwillig – auf der Kanisfluh. Offenbar übt das Bergmassiv einen solchen Reiz aus, dass sich viele in Gefahr begeben. So ist etwa im Vorarlberger Landesblatt vom 13. August 1931 von einer unglaublichen Bergsteigertragödie zu lesen: „Schlesischer Handwerksbursche erklettert barfuß eine gefährliche Wand – 56 Stunden auf Rettung gewartet.“ Im Tal habe man nachts noch die Hilfeschreie des jungen Mannes gehört, ehe der Gendarmeriekommandant Düringer von Mellau um 3 Uhr in der Früh aufbrach, um in die Wand zu steigen. Bei dem Rettungsversuch stürzte der Beamte vor den Augen seiner beiden Begleiter 400 Meter in die Tiefe. „Die Begleiter waren von dem Absturz Düringers derart benommen, dass sie nun keinen Schritt weiter zu machen wagten“, heißt es in dem Zeitungsbericht. Nach über zwei Tagen Verharren konnte der Handwerksbursche doch noch gerettet werden.

Dass die Kanisfluh bis in die Gegenwart Menschen in ihren Bann zu ziehen scheint, zeigt eindrücklich eine Diskussion vor zwei Jahren, die die Gemüter in ganz Vorarlberg erhitzte. Emotional wurde darüber gestritten, ob hier von einem Unternehmen Kies abgebaut werden soll. Der Ruf, den Kanisfluh-Stock unter Naturschutz zu stellen, ist seitdem lauter denn je.

Anfänge des Naturschutzes

Dabei hat der Vorarlberger Naturschutz gewissermaßen an der Kanisfluh seinen Anfang genommen. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Alpentourismus aufkam, wurde das Edelweiß zu einem begehrten Objekt. So sehr, dass es bald ausgerottet war: Mit der Wälderbahn kamen Massen angereist, um die Alpenpflanze zu pflücken, um sie auf deutschen Märkten zu verkaufen. Am Bregenzer Bahnhof wurden einmal 10.000 Edelweiß beschlagnahmt. Daraufhin wurde 1904 vom Landtag ein eigenes Gesetz zum Schutz der Pflanze erlassen, quasi das erste Naturschutzgesetz. Die weißen Blumen haben seit 1930 auch im Auer Wappen ihren Platz gefunden.

„Der Berg bekam auf der Südseite eine Samtdecke und gegen Norden einen steilen Absturz.“