Mehr Hochzeiten, weniger Scheidungen

Vorarlberg / 01.12.2019 • 18:33 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Auch in Vorarlberg gibt es einen Trend zu dauerhaften Beziehungen im Privatbereich.

SCHWARZACH Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier zeigt sich über die Zahlen nicht weiter überrascht: „Wir haben das vor zwei Monaten abgetestet in einer Wertestudie“, sagt er: „Die Bedeutung von Heimat, Freunden, Familie und Ehe ist immens gestiegen.“ Die Leute würden sich zunehmend auf ein persönliches Umfeld zurückziehen, wo sie eher Stabilität finden als im Beruf oder in der Welt draußen, wo es zum Teil drunter und drüber geht. In der Soziologie gebe es einen eigenen Begriff dafür: „Regrounding“. Gemeint ist damit eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte. Ein Ergebnis davon schaut so aus: In Vorarlberg gibt es seit vier Jahren um die Hälfte mehr Hochzeiten als zuvor. 2018 handelte es sich laut Statistik Austria um 2250. 2013 waren es noch 1522 gewesen. Dann stieg die Zahl schlagartig, um seit 2015 auf hohem Niveau zu verharren. Zugleich gibt es nicht mehr Scheidungen. Im Gegenteil: Bis 2010 trennten sich fast immer mehr als 800 Paare pro Jahr, seither sind es durchwegs weniger. Entsprechend zurückgegangen ist auch die Scheidungsrate, von rund 50 in Richtung 40 Prozent nämlich.

Für Jugendforscher Heinzlmaier ist eben die Sehnsucht nach stabilen Lebensverhältnissen ausschlaggebend dafür. Aber nicht nur das, wie er im Gespräch mit den VN betont: Ehen geht heute eine längere Zeit mit Bildung und Karriere, Selbstfindung und Entfaltung voraus, als dies früher der Fall war. Heinzlmaier spricht in diesem Zusammenhang auch von einer ausgedehnten Probephase mit verschiedenen Partnern, die mit größerer Wahrscheinlichkeit zum richtigen führt.

Edgar Ferchl-Blum beobachtet das Phänomen von einer ganz anderen Seite her: Er leitet das Ehe- und Familienzentrum der Diözese Feldkirch. Seinen Angaben zufolge wollen Frauen und Männer eine geglückte und auf Dauer angelegte Beziehung. Das sei schon immer so gewesen. Neu seien begleitende Umstände: „Die Qualität der Beziehungen ist besser geworden“, so Ferchl. Männer und Frauen würden heute partnerschaftlicher, auf gleicher Augenhöhe miteinander umgehen.

Gestiegen sei auch die Bereitschaft, etwas für die Ehe zu tun: Kurse besuchen, gemeinsame Freizeitaktivitäten setzen oder Beratungsangebote in Anspruch nehmen, wie es sie zum Beispiel beim Ehe- und Familienzentrum der Diözese gibt.

Weniger Illusionen

Durchschnittlich ziehen Männer und Frauen heute mit über 30 in den Hafen der Ehe ein. Das habe Folgen, erläutert der Chef des „Österreichischen Instituts für Familienforschung“, Wolfgang Mazal, gegenüber den VN: „Wenn man später heiratet, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich scheiden lässt, etwas geringer. Das ist dadurch erklärbar, dass man dann mit weniger Illusionen an die Sache herangeht und sich bewusster bindet.“

Bei den jüngsten Entwicklungen sieht Mazal allerdings auch einen statistischen Effekt: „Wir haben mittlerweile eine hohe Unehelichenquote. Beim ersten Kind beträgt sie über 40 Prozent.“ Beim zweiten sei sie wesentlich niedriger. Das bedeute, dass erst dann geheiratet wird. Mazal: „Es kommt zu aufgeschobenen und damit vorübergehend auch mehr Eheschließungen.“ Außerdem sei feststellbar, dass im wachsenden muslimischen Milieu tendenziell mehr geheiratet werde: „Nicht heiraten ist dort die Ausnahme.“ JOH

„Die Bedeutung von Heimat, Freunden, Familie und Ehe ist immens gestiegen.“