Als lebendes Frachtgut entladen

Vorarlberg / 02.12.2019 • 19:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Für Hana Nrecaj bedeutet Lebensqualität, keine Angst mehr haben zu müssen.

bludenz Bleiben dürfen oder gehen müssen: Die Jahre der Ungewissheit waren für Hana Nrecaj zermürbend. Mit der Zuerkennung des Aufenthaltsrechts konnte sie „wieder anfangen zu leben – ohne Angst“.

Das Durcheinander der Hausnummern macht es schwierig, die Wohnung in der Siedlung am Stadtrand von Bludenz zu finden. Darum wartet Hana Nrecaj vor der Haustüre. Sie führt in die Küche. Hier kann man sich am großen Tisch gemütlich ausbreiten.

Der Kosovo-Albanerin fällt es schwer, die Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Trotzdem rafft sie sich auf und erinnert sich, wie sie ihr Herkunftsland verlassen musste. Ja, musste. Freiwillig, einfach so, wäre sie nie gegangen und hätte alles zurückgelassen. Die Umstände im und nach dem Kosovo-Krieg haben sie und ihren Mann Gjevalin zu diesem Schritt genötigt.

Betreuung von Waisenkindern

Hana Nrecaj war noch jugoslawische Staatsbürgerin, als sie vor 43 Jahren zur Welt kam. Sie wuchs in Gjakova, einer Stadt in Westkosovo, auf. Nach der Matura arbeitete sie im Sozialdienst. Sie organisierte die Betreuung von Waisenkindern in Familien. Als Katholikin gehörte sie einer Minderheit an. Im Kosovo sind nur rund zwei Prozent der Bevölkerung katholisch. 95 Prozent sind Muslime, der Serbisch-Orthodoxen Kirche gehören 1,5 Prozent an.

Nachdem der Balkankrieg im Sommer 1991 in Slowenien ausbrach, zehn Tage später in Kroatien wütete und 1992 auf Bosnien übergriff, begann er im Februar 1998 im Kosovo. In diesem einjährigen Konflikt kämpfte die Kosovo-Albanische Befreiungsarmee (UCK) gegen serbische Polizei- und Miliztruppen, unterstützt von der Jugoslawischen Armee (JNA). 1999 mischte auch noch die Nato mit. Die Kosovo-Albaner verlangten die Unabhängigkeit des jugoslawischen Teilstaates, die Serben wollten das verhindern.

„Ende 1998 flüchteten wir nach Albanien“, erzählt Hana. Ihr Mann Gjevalin war nämlich zwei Jahre zuvor vom ehemaligen jugoslawischen Staatssicherheitsdienst UDBA (Uprava drzavne bezbednosti) als Agent angeheuert worden. „Er wurde gezwungen“, erklärt Hana. „Hätte Gjevalin abgelehnt, wäre er tot.“

Im Jahr 2000, der Krieg war zu Ende, kehrte die Familie Nrecaj in den Kosovo zurück und bezog ein Haus außerhalb von Gjakova. „Das war keine gute Entscheidung“, sagt Hana Nrecaj. Denn ehemalige UDBA-Agenten wurden von den Sicherheitskräften des neuen, von kriminellen Clanchefs geführten Regimes verfolgt.

An einem Abend im Herbst 2003 näherten sich fünf Männer dem Anwesen der Nrecajs und feuerten mit Maschinengewehren auf das Haus. Personen kamen nicht zu Schaden. An einem Abend im Herbst 2004 wurde Gjevalin Nrecaj von einem Auto aus beschossen, während er seinen Traktor heimwärts lenkte. Er überlebte den Anschlag schwer verletzt. An einem Abend im Herbst 2005 wurde ein weiteres Schussattentat auf die Gjevalins verübt. Die Polizei kam erst eine Stunde später. Die Angreifer waren längst auf und davon.

Aus Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder Adelina und Gjon, damals acht- und siebenjährig, beschlossen Hana und Gjevalin die Flucht. „Wir hatten keine Wahl“, betont Hana. „Wir verließen den Kosovo Anfang Dezember 2005.“ Versteckt im Frachtraum eines Lastautos, wurde die vierköpfige Familie über Serbien und Ungarn nach Österreich transportiert. Entladen wurde das lebende Frachtgut ein paar Tage später irgendwo in Wien. Nach einer Woche Aufenthalt im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen kam die Familie nach Vorarlberg. 2008, nachdem Tochter Leona geboren wurde, fand die erste Einvernahme im Bundesasylamt in Wien statt. Der Bescheid war negativ. Und wieder kam Angst hoch – diesmal vor der Abschiebung. „Eine Rückkehr in den Kosovo wäre für uns tödlich gewesen.“

Mit tatkräftiger Unterstützung von engagierten Vorarlbergern wurde den Nrecajs 2012 das Humanitäre Bleiberecht zuerkannt. „Das war das Beste, das mir passiert ist“, sagt Hana und fügt hinzu: „Mit dem Bleiberecht hat die Stadt Bludenz uns diese Wohnung zugewiesen.“ Als sie dann auch noch die Arbeitsbewilligung in der Hand hielt, sei sie unendlich erleichtert gewesen: „Ich will nicht von staatlicher Hilfe abhängig sein, sondern den Lebensunterhalt selber verdienen.“ Sie fand auch gleich Beschäftigung im Gastgewerbe: „In dieser Branche möchte ich bleiben.“

Leidenschaftliche Skifahrerin

Sich in Vorarlberg zu integrieren, das sei ihr leichtgefallen. Sie habe rasch Deutsch gelernt. Des Weiteren ist sie leidenschaftliche Skifahrerin geworden. Und das Fohrenburger Oktoberfest in Bludenz lasse sie nie aus. „Das Schönste ist jedoch, freundliche Menschen kennengelernt zu haben“, resümiert Hana Nrecaj. „Sie haben mir die Kraft gegeben, nie aufzugeben, sondern immer weiterzumachen.“

„Sie haben mir die Kraft gegeben, nie aufzugeben, sondern immer weiterzumachen.“