Still plärren vor lauter Glück

Vorarlberg / 02.12.2019 • 18:36 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der erste Chor, in dem ich sang, muss ein Schulchor in der Hauptschule gewesen sein. Dann war ich in einem Kirchenchor und dann in noch einem, einem sehr ambitionierten, in dem uns auch komplizierte Lieder so akribisch beigebracht wurden, dass ich sie zum Teil heute noch auswendig singen kann.

In Wien hatte ich dann andere Dinge im Kopf, als im Chor zu singen. Immerhin, es gab eine Band, in der die erlernte Gesangstechnik allerdings nur marginal anwendbar war. Irgendwann hörte ich auf zu singen. Und bis heute rede ich immer wieder davon, endlich wieder einem Chor beizutreten, was ständig an irgendwas scheitert, meistens an der Zeit.

Die Schwestern dagegen singen nach wie vor in einem Chor, und jedes Mal, wenn sie davon erzählen, bin ich ein bisschen neidisch. Dann singen sie mir was vor, zweistimmig, so schön!, und es drückt mir ein kleines Tränchen in den Augenwinkel, ein Mix aus Rührung und dem Bedauern, das für mich aufgegeben zu haben.

Auch am Sonntag im Kino gab’s Tränen: mit einer Freundin und unseren Töchtern war ich in „Amazing Grace“. Im Trailer zu dem Film wird geraten, nicht Taschentücher einzustecken, sondern gleich ein Handtuch mitzubringen, und dieser Ratschlag erfolgt zu Recht: Schon in den ersten Minuten des Films, als der Chor, alle in Schwarz und silberne Gilets gekleidet, singend in die Kirche eintänzelt, plärrte ich still vor Glück und brauchte fortan dauerhaft saugfähiges Textil.

Der Film – er läuft diese Woche auch in Ländle-Kinos – ist furios mitreißend, und das, obwohl er eigentlich keine Handlung hat. Er zeigt nur die Aufnahmen zu einer Langspielplatte, zwei Abende im Jahr 1972, in einer sehr prosaisch eingerichteten und als solche gar nicht auf den ersten Blick erkennbaren Kirche in Los Angeles. Der Star der Aufnahmen ist Aretha Franklin, die sich zu dem Zeitpunkt schon einige Nummer-eins-Hits und mehrere Grammys ersungen hatte, und die nun die Gospel ihrer Jugend – sie war als Pfarrerstochter schon singend aufgewachsen – mit dem Southern California Community Choir auf eine Platte einspielte.

Und dabei schaut man zu, und will vor Rührung und Begeisterung die ganze Zeit durchheulen, in erster Linie wegen Aretha Franklin und der Art, wie sie ihre unfassbare Stimme einsetzt, aber vor allem auch wegen des Chors, der am Anfang brav auf Sesseln sitzend singt und am Schluss nicht mehr: Das ist kein glattes, sauberes, exaktes Kirchenchor-Singen, das ist Euphorie Herz, Seele, Leidenschaft. Am Ende klatschte das ganze Kino vor Begeisterung, und ich glaube, ich will auch wieder singen.

„Immerhin, es gab eine Band, in der die erlernte Gesangstechnik allerdings nur marginal anwendbar war.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.