Die Zuwanderung der Südtiroler

Vorarlberg / 03.12.2019 • 19:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Familie Untermarzoner optierte für das Deutsche Reich. Archiv
Familie Untermarzoner optierte für das Deutsche Reich. Archiv

Vor 80 Jahren wurde die Umsiedlung der Südtiroler ins Deutsche Reich vereinbart.

schwarzach Im Oktober 1939 schlossen Hitler und Mussolini ein Abkommen zur Umsiedlung der deutschsprachigen und ladinischen Bevölkerung in Südtirol. Den 235.000 Deutschen und 11.000 Ladinern wurde die Option für Deutschland nahegelegt. Innerhalb weniger Wochen mussten sie entscheiden, ob sie weiterhin in Italien bleiben oder ins Deutsche Reich übersiedeln und damit die Heimat aufgeben wollten. „Südtirol wurde dadurch in zwei unversöhnliche Lager gespalten, in die Dableiber und Geher“, weiß Gebhard Greber. Der Gymnasialprofessor hat sich eingehend mit der Thematik befasst.

Die meisten blieben in Nordtirol

Die Mehrheit entschied sich schließlich für die Deutschland-Option. „86 Prozent, also rund 200.000 Menschen, votierten für das Deutsche Reich.“ Greber weiß warum: „Der Hauptgrund war die brutale Italianisierungspolitik der Faschisten. Man versuchte zwanghaft, aus den Deutschen Italiener zu machen.“ Viele hofften auch auf ein besseres Leben im Deutschen Reich. Denn die wirtschaftliche Lage in Südtirol war schlecht. Dass letztlich insgesamt nicht mehr als 74.500 Südtiroler abwanderten, hing vorwiegend mit den Kriegsereignissen zusammen. „Als Mussolini 1943 gestürzt wurde, stoppte man die Umsiedlung.“ Aber auch die Besitzablöse gestaltete sich schwierig. „Deshalb gingen als Erste die Besitzlosen und gering Qualifizierten.“ Den Optanten wurden geschlossene Ansiedlungen im Deutschen Reich oder in neu eroberten Gebieten versprochen. „Diese Pläne zerschlugen sich aber wegen der Kriegsereignisse. Die meisten Südtiroler kamen über Nordtirol nicht hinaus. Fast 80 Prozent der Umsiedler blieben dort“, berichtet der Lehrer. Immerhin 14 Prozent aller Abwanderer, also rund 10.700 Personen, ließen sich in Vorarlberg nieder. Greber dazu: „Viele kamen deshalb zu uns, weil die Bauwirtschaft und Textilindustrie einen hohen Bedarf an ungelernten Arbeitskräften hatte.“

Moderner Wohnraum geschaffen

Aber es gab noch einen anderen Grund: die rasche Bautätigkeit der Vorarlberger Siedlungsgesellschaft. „Sie errichtete innerhalb kürzester Zeit 430 Häuser mit 2096 Wohnungen für die Südtiroler.“ Die größten Südtiroler-Siedlungen entstanden in Bregenz-Schendlingen, in Bregenz-Rheinstraße und in Dornbirn-Sala. Aber auch in Bludenz, Feldkirch, Hohenems, Hard, Lauterach und Lustenau wurde für die Zuwanderer moderner Wohnraum geschaffen. Bis zur Fertigstellung der Siedlungen waren die Umsiedler in provisorischen Unterkünften einquartiert. Die heimische Bevölkerung war über die Zuwanderer wenig erfreut. Die NS-Propaganda tat so, als ob sie willkommen wären. Doch in Wirklichkeit waren sie für viele Vorarlberger Fremde und Vorurteilen ausgesetzt. Nicht wenige beschimpften sie als ,Polenta-Fresser‘. Laut Greber wurden sie als Konkurrenten gesehen. „Es war eine Zeit, in der Lebensmittel und Bekleidung rationiert wurden und große Wohnungsnot herrschte.“

Rückkehr aus Heimweh

Nicht alle Südtiroler hielten es in der Fremde aus. Heimweh trieb manche wieder nach Hause. „Von den 74.500 Ausgewanderten sind rund 21.000 nach Südtirol zurückgekehrt“, berichtet Greber. Die, die blieben, lebten in den eigens für sie errichteten Wohnvierteln. Dort blieben sie zunächst unter sich. „Es entstand ein eigenes kulturelles Milieu. Man versuchte, die Kultur der Heimat aufrechtzuerhalten und gründete Vereine.“ Heute seien die Südtiroler längst integriert, betont Greber. Vorarlberg profitierte von der Zuwanderung. „Dass unsere Wirtschaft heute so gut dasteht, ist nicht zuletzt auch dem Fleiß der Südtiroler geschuldet.“

Adi Untermarzoner vor dem Wohnhaus in Bregenz, in das er und seine Familie im September 1941 einzogen.  Vn/Paulitsch
Adi Untermarzoner vor dem Wohnhaus in Bregenz, in das er und seine Familie im September 1941 einzogen.  Vn/Paulitsch